Zerstören Promi-Autoren die Literatur?
Über die Ökonomie von Namen.

In einem Essay im New Yorker macht sich Sloane Crosley über die aktuelle Schwemme an Bilderbüchern für Kinder aus der Feder von Prominenten lustig. Meghan Markle, Chris Pine, Lil Nas X, Channing Tatum, Matthew McConaughey, LeBron James sind nur einige der großen Namen, die sich auf Covern von Kinderbüchern finden und dort den Status der Autorschaft für sich beanspruchen. Auch der Late-Night-Host Jimmy Fallon und Sonia Sotomayor, Richterin am Obersten Gerichtshof der USA gehören dazu. Eine bebilderte Liste, die einen Eindruck von der schieren Masse dieser Publikationen vermittelt, findet sich hier. Manche dieser Bücher sind sicher Kuriositäten und – wie im Fall der Duchess of Sussex – Anlass für gierigen Spott. Aber oft genug sind diese Bücher große Verkaufserfolge.
Es handelt sich bei diesem Phänomen um eine reichhaltige Quelle für die Konfliktgeschichte zeitgenössischer Autorschaft, ein Projekt, an dem ich gerade arbeite. Die Masse an Filmstars, Sängern, Late-Night-Hosts, die in den letzten Jahren als Verfasser:innen von Kinderbüchern in Erscheinung getreten sind, wird naheliegenderweise von anderen Autor:innen als Bedrohung wahrgenommen. In einem Artikel im Guardian heißt es, Promi-Autorschaft sei zwar nicht neu (genannt wird etwa Madonnas Buch von 2003), allerdings habe die Übermacht von Celebrities inzwischen das Feld für professionelle Kinderbuchautor:innen auf eine existenzbedrohende Art und Weise ausgedünnt. Der Autor Joshua Seigal wird mit den Worten zitiert: „Diese Prominenten brauchen nicht noch mehr Geld und noch mehr Aufmerksamkeit, aber viele echte Schriftsteller schon.“ Anlass für diese Kritik war die Veröffentlichung eines Kinderbuchs der Schauspielerin Keira Knightley („Fluch der Karibik“). Ein viraler Post der Autorin Charlotte Levin bringt zum Ausdruck, worum es geht. Levin schreibt, sie hätte sich nun entschieden, Filmstar zu werden – eine Aussage, die die Lächerlichkeit der angemaßten Autorschaft von Schauspieler:innen unterstreichen soll.
Das Problem der professionellen Autor:innen, die von schreibenden Promis verdrängt werden, ist, dass das kulturelle Feld – wie alle Bereiche in der Gesellschaft – nicht meritokratisch strukturiert ist, sondern durch Macht. Keira Knightley kann allein durch ihren Namen so viel Aufmerksamkeit generieren, dass es egal ist, ob sie eine professionelle Autorin ist oder nicht. Das riesige Machtgefälle zwischen den Feldern des literarischen Marktes und der Filmproduktion wird aber auf absehbare Zeit verhindern, dass Autor:innen zu Filmstars werden.
Allerdings sind auch Schauspieler:innen von aufmerksamkeitsökonomischen Transferhandlungen nicht geschützt. Vor einigen Jahren lief bei Jimmy Kimmel ein Sketch, in dem Garry Oldman sich in einem Werbespot bitterlich über die Sport-Stars beschwerte, die in Filmen mitspielen würden („Who the hell told you, you could act!“). Am Ende wirft er einen Basketball auf einen Korb und verfehlt ihn natürlich vollständig. Es handelt sich um ein leidenschaftliches Plädoyer für Arbeitsteilung in den Künsten. Dieses Plädoyer hatte wohl auch Wirkung auf Oldman selbst. Das Buch Blood Riders, das er zusammen mit seinem Manager schreiben wollte und das 2015 angekündigt wurde, ist – wenn ich das recht sehe – nie erschienen. Jimmy Kimmel allerdings hat der Sketsch nicht davon abhalten können, 2019 ein Bilderbuch mit dem Titel The Serious Goose zu veröffentlichen.
Nun kann man sagen, dass solche Transferleistungen zwischen künstlerischen Feldern überall auftreten und eine lange Geschichte haben. Die Liste der Schauspieler:innen, die sich in der Popmusik versucht haben, ist lang und oft peinlich - von Bruce Willis über Russell Crowe bis hin zu Jan Josef Liefers. Die Stars der Pop-Musik, die zu Schauspieler:innen werden, haben da meist mehr Erfolg; wie Lady Gaga, Ariana Grande und zuletzt ASAP Rocky (immerhin in einem Spike Lee Joint). Gerade diese Fälle zeigen auch, dass es kein grundsätzliches Problem sein muss, wenn Menschen in neue professionelle Felder vordringen. Eine Mehrfachbegabung wie der Schauspieler, Regisseur und Comedian Donald Glover etwa, der als Childish Gambino hochprofilierte Musik macht, ist nicht automatisch ein Eindringling in einem dieser Felder.
In Bezug auf literarische Autorschaft ergeben sich durch den Boom der Promi-Bücher allerdings gravierende Probleme. Dazu habe ich bereits 2019 einen Text geschrieben, in dem es um schreibende Tatort-Kommissare und Sänger ging, die damals die Verlagsprogramme zu beherrschen begannen. Clayton Childress hat in seiner literatursoziologischen Studie Under the Cover den Begriff der “Name Economy” eingeführt, der diese Phänomene sehr gut beschreibt. Demnach gibt es ein Segment der literarischen Ökonomie, in dem fast ausschließlich der Name des Autors das Buch verkauft. Childress meinte damit vor allem die absoluten Gewinner der “Winner takes most”-Ökonomie des Buchmarktes - Autoren wie Stephen King oder J.K. Rowling, die wahrscheinlich ihre Einkaufslisten veröffentlichen können und trotzdem auf der Bestsellerliste landen würden.
Die Konzentration auf den Namen als Marke erklärt aber auch, warum so viele Quereinsteiger in den Buchmarkt einsteigen. Gerade hatte der Fußballer Christoph Kramer einen riesigen Verkaufserfolg - wohlgemerkt nicht mit einer Biographie, sondern mit einem Roman beim Hochliteraturverlag Kiepenheuer & Witsch. Letztes Jahr erschien auch in Deutschland der Roman “Das Buch Anderswo” von Keanu Reeves und China Miéville. Vor wenigen Jahren haben sich Sebastian Fitzek und der Moderator und Comedian Micky Beisenherz zusammengetan, um einen Thriller zu schreiben. Pionier ist der Beststellerautor James Patterson, der seit einiger Zeit Romane mit extrem bekannten Personen wie Bill Clinton oder Dolly Parton veröffentlicht, um so die Mechanismen der “Name Economy” auf die Spitze zu treiben. Hier wird die Prominenz eines extrem bekannten Autors mit der Prominenz eines literaturexternen Stars vermengt - und so ein massiver Verkaufserfolg garantiert.
Das grundsätzliche Problem dieser aufmerksamkeitsökonomischen Strategien wird in der Verzerrung des ästhetischen Wettbewerbs gesehen. Eine Buchhändlerin, die für den Artikel im Guardian über Kinderbücher von Promis befragt wurde, bringt das Problem auf den Punkt: „Buyers don’t necessarily care whether the book is good.” Zahlreiche der Bücher seien schlicht schlecht, zudem auch nicht von den Autor:innen, die auf dem Cover stehen geschrieben. Zwar gebe es durchaus gute Bücher von Menschen, die bereits vorher auf einem anderen Feld berühmt gewesen seien, aber die Gefahr, die von dieser Publikationsstrategie ausgehe, sei gravierend: “Das macht es für Eltern und Lehrer schwieriger, großartige Kinderliteratur zu finden, und es lässt Kinderliteratur wie etwas Billiges und Seichtes erscheinen, anstatt das, was sie wirklich ist – eine Literatur mit ihren eigenen Eigenheiten, ihrer eigenen Strenge, ihrer eigenen Kraft.”
Das Konfliktpotential der literarischen “Name Economy” liegt in der Befürchtung, dass der Name des Autors das literarische Urteil kontaminiert. Dahinter steht die Vorstellung, dass viele Menschen nicht auf Anhieb erkennen können, was gut und was schlecht ist. Kaum etwas lässt sich so leicht betrügen, wie unser ästhetisches Urteilsvermögen. Das beginnt bei der schieren Sichtbarkeit eines Artefaktes. Wenn wir nicht wissen, dass ein Buch existiert, dann können wir es auch nicht lesen. Die Promi-Bücher - so der Vorwurf - horten Sichtbarkeit und machen es so unmöglich, dass andere Autor:innen überhaupt entdeckt werden. Der klangvolle Name einer beliebten Schauspielerin kann aber auch das konkrete Urteil über einen Text beeinflussen. Die Autorität, die mit diesem Namen verbunden ist, überträgt sich auf alle Dinge, die diese Person tut.
Was sind Eure Erfahrungen mit Phänomenen der “Name Economy”? Gibt es Promi-Bücher, die ihr gelesen habt, vielleicht sogar gern? Wie bestimmt dieses Problem den Alltag Eurer Rezeption? Schreibt es in die Kommentare.
Die guten Dinge
Der Diskurs über den hasserfüllten Backlash gegen den “Stomp Clap Hey”-Sound der späten Nullerjahre, insbesondere gegen den Song “Home” “der Band Edward Sharpe and the Magnentic Zeros” geht weiter. Es handelt sich um eine faszinierende Form der Anti-Nostalgie, der kollektiven Beschimpfung einer repräsentativen Geschmacksverirrungen aus der Vergangenheit. Bereits vor Monaten hatte Kyle Gordon (“Planet of the Base”) diese Art von Musik parodiert - als geleckten, kommerzialisierten Soundtrack der toxischen Millennial-Positivität. Jetzt kann man darüber auf Defector ein fundiertes musikgeschichtliches Essay lesen. In einem interessanten Interview spricht Carolin Amlinger über die sozialen Hintergründe der Lesekrise: Ist lesen eine Klassenfrage? Dazu passt auch: Vor einiger Zeit hatte ich hier schon über eine Debatte über die neue literarische Öffentlichkeit berichtet, die durch ein Essay von Gerhard Lauer im Merkur ausgelöst wurde. Ebenfalls im Merkur gab es nun ein weiterer Essay, der darauf antwortet. Titus Blome rechnet bei Zeit Online noch einmal mit dem erfundenen Shitstorm wegen einer Jeans-Werbung ab. Hat die Musikkritik ihren Biss verloren, fragt ein Artikel im New Yorker. Ebenfalls im New Yorker: Ein sehr lesenswerter Longread über den neuen Besitzer des Auktionshauses Southersby’s, der als Figur die Pathologien des Spätkapitalismus in der Trump-Ära perfekt verkörpert. Begeistert hat mich der Noir-Klassiker The Underground Man von Ross Macdonald von 1971 und das Album “Baby” von Dijon.
In eigener Sache
Der Roman “Unter weitem Himmel” meiner guten Freundin Berit Glanz ist erschienen und kann überall gekauft werden, oder besser gesagt: konnte. Es gibt nämlich direkt Lieferengpässe. Das soll aber niemanden davon abhalten, ihn zu bestellen! Wer uns live sehen möchte, kann das am 30. September im Pfefferbergtheater in Berlin tun, da findet nämlich die Premiere statt. Hier kann man sich eine Karte sichern.



Ich wusste gar nicht, dass das in den USA so verbreitet ist!
Aber klar: das ist ein deutliches Symptom eines ungleichen Kapitalismus. Wenn erfahrene, echte Autor:innen vom Markt verdrängt werden, nur weil sich Schauspieler:innen oder Sportler:innen mit bekanntem Namen, Gesicht und großem Team im Hintergrund besser vermarkten lassen, sind wir an dem Punkt angekommen, an dem Ruf über echtem Wert steht. Besonders in der Literatur ist das ein Desaster.
Wenn in der Rubrik Psychologie privilegierte Promis von ihren persönlichen Problemchen erzählen, ist das ja noch harmlos, denn da konkurrieren sie nur um ihrer selbst. Doch sobald es nicht mehr autobiografisch ist, wird es wirklich schwierig.
Danke dir für diesen Text. Es ist tatsächlich auch ein Thema, was mich seit einiger Zeit beschäftigt.