Peter Sloterdijk wird als Schlangenölverkäufer beschimpft
Über die Abgrenzungsarbeit prekärer wissenschaftlicher Autorschaft
Polemik als Abgrenzungsarbeit
Im Herbst 2025 ist ein Aufsatz von mir erschienen, der sich mit dem oft gequälten Verhältnis der Geisteswissenschaften und der Öffentlichkeit beschäftigt. Darin geht es um die Konflikte, die um die Frage ausgetragen werden, ob die Geisteswissenschaften stärker mit der breiten Öffentlichkeit kommunizieren müssen (und ob dabei nicht der Verlust wissenschaftlicher Reputation droht). In diesem Konflikt, der schon lange ausgefochten wird, kommt es immer wieder zu heftigen Legitimationskrisen. Die deutsche Literaturwissenschaft etwa wurde vor einigen Jahren von einem Artikel im „Spiegel“ schwer getroffen, der dem Fach ziemlich ressentimentgeladen seine ganze Daseinsberechtigung absprach. Zitiert wurde darin unter anderem der über Robert Musil promovierte Richard David Precht, der den Disziplinen einen „arrogant-schnöseligen Jargon“ vorwarf.
Was Precht hier betrieb, war die Abgrenzungsarbeit, die man als populärer Sachbuchautor betreiben muss. Indem er auf die Fachwissenschaft losgeht, zeigt er, dass er auf eine Art schreibt, die dem Gegenstand und seiner Kommunikation angemessen ist: Der Außenseiter gegen die Institution und ihre Geheimsprache. Precht steht immer wieder im Fokus der Debatten um öffentliche Geisteswissenschaften - oft (eigentlich meistens) als Negativfigur. Bis heute wirkt etwa nach, dass der Philosoph Peter Sloterdijk Precht 2012 in einem Interview mit dem Geiger, Dirigenten und Impresario André Rieu verglichen hatte - eine harte Beleidigung, denn Rieu gilt als Inbegriff der Verkitschung klassischer Musik.
Der Kontext dieser Polemik war, dass die von Sloterdijk und Rüdiger Safranski geleitete Sendung „Das Philosophische Quartett“ gerade abgesetzt und durch eine Sendung mit Precht ersetzt worden war. Der Schmerz darüber schien noch tief zu sitzen. Sloterdijk kommentierte damals in der “Zeit”:
„Precht ist vom Handwerk her Journalist und als solcher Popularisator von Beruf. Ob er wirklich, wie das ZDF annimmt, zu einer Verjüngung des Publikums beitragen wird, bezweifle ich allerdings. Seine Klientel gleicht eher der von André Rieu, den hören auch vor allem Damen über fünfzig in spätidealistischer Stimmung.“

Der Vergleich mit André Rieu war so effektiv, dass er Precht noch Jahre später hinterherhing und ihn bis in die Artikel zu seinem sechzigsten Geburtstag hinein verfolgte. In einem Text in der hieß es etwa: „Mit dem Erfolg und seinen manchmal kontroversen Positionen blieb die Kritik nicht aus. Pop-Philosoph wurde er genannt, Bürgerphilosoph und ein ‚Bescheidwisser, der ständig irrt‘. Auch ‚André Rieu der Philosophie‘ blieb ihm nicht erspart.“
Der Fall zeigt nicht nur, wie eine gut gesetzte Beleidigung an einer Figur des öffentlichen Lebens hängen bleiben kann, sondern auch, wie prekär eine geisteswissenschaftliche Autorschaft ist, die sich zwischen Akademie und Öffentlichkeit verortet. Gerade ein Autor wie Sloterdijk, der eben nicht nur Verfasser von vielbeachteten Büchern und Artikeln, sondern auch Professor und jahrelang Rektor der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe war, ist auf ständige Abgrenzungsarbeit angewiesen.
Diese Abgrenzungsarbeit soll die eigene Autorschaft davor bewahren, in die eine oder andere Richtung abzugleiten. Man ist noch Wissenschaftler, im Gegensatz zu X, obwohl man viel in der Öffentlichkeit steht und den Wirkungsanspruch eines öffentlichen Intellektuellen vertritt. Der drohende Verlust des institutionellen Kapitals wird gerade von den Autoren, die viel in der Öffentlichkeit stehen, durch exkommunizierende Gesten gegen Figuren abgewehrt, die es mit dieser Öffentlichkeit angeblich übertrieben haben.
Auf eine ähnliche Art und Weise hat sich nun gerade der Philosoph Hanno Sauer in der Sendung „Sternstunden der Philosophie“ geäußert (hier ab 19:40). Sauer, der im Publikumsverlag Piper vielbeachtete Bücher über Moral und Klasse geschrieben hat und auch schon für den deutschen Sachbuchpreis nominiert war, gibt Auskunft über die Poetologie, der sein wissenschaftliches Schreiben folgt. Angesprochen auf den populären Erfolg der Bücher (den Spiegel-Beststeller-Status) antwortet Sauer: „Es ist ja kein Schund den ich schreibe, das sind schon anspruchsvolle Bücher, die ein relativ hohes Niveau haben.“
Was folgt, ist eine Selbstverortung, die sich zu einer regelrechten Abrechnung mit verschiedenen Akteuren des Wissenschafts- und Sachbuchbetriebs auswächst. Es gäbe, sagt Sauer, im deutschsprachigen Raum primär zwei Philosophen-Typen, einmal den „deutschen Universitätsprofessor“, der „handwerklich sehr solide“ arbeite, dabei aber ziemlich langweilig sei und für dessen Arbeit sich kaum jemand interessiere. Sauers Urteil: „zurecht ignoriert“. Diesem Typus des institutionell eingegrabenen Professors stehe auf der anderen Seite der Typus Philosoph gegenüber, der sich an die Öffentlichkeit wende, „der vielleicht unterhaltsam ist, vielleicht Entertainment bietet, aber philosophisch ist es eigentlich Scharlatanerie.“ Es gäbe „Schlangenölverkäufer“ wie Peter Sloterdijk oder Slavoj Žižek – „Scharlatane oder Clowns, die philosophisch nichts taugen, aber unterhaltsam sind.“ (Hier fällt ihm die belustigt-erschrockene Moderatorin ins Wort: „starke Worte“, „unpopular opinion“) Er dagegen versuche mit seinen Büchern zwischen diesen Polen zu vermitteln: Es solle lesbar sein, unterhaltend, interessant und spannend.
Es handelt sich um einen interessanten Fall von auktorialer Abgrenzungsarbeit. So wie Sloterdijk sich 2012 gegen Precht abgegrenzt hat, muss nun Sloterdijk selbst als Abgrenzungsfolie herhalten; zwar nicht als ‘André Rieu der Philosophie’, aber doch in harter Abwertung als ‚Scharlatan‘, ‚Clown‘ und ‚Schlangenölverkäufer‘. Dabei kommen ähnliche Argumente zum Einsatz. Der anspruchsvolle Autor wird hier allerdings nicht als Gegenfigur des ‚Journalisten‘ stark gemacht, sondern als Gegenfigur des reinen ‚Entertainers‘. Es ist in diesem Zusammenhang interessant, dass Sauer seine Abgrenzungsarbeit als Reaktion auf den Spiegel-Beststeller-Aufkleber beginnt, der einerseits auf den populären Erfolg verweist, andererseits aber ganz offenbar das kulturelle Kapital des Autors bedroht.
Gleichzeitig grenzt sich Sauer aber auch gegen den etablierten Universitätsbetrieb ab, der als solide und langweilig dem Verdikt „zurecht vergessen“ verfällt. Darin spiegelt sich in gewisser Weise Bernhard Pörksens Polemik gegen eine reine „Zeitschriftenwissenschaft“. Diese verwandele schrieb Pörksen 2015 in der „Zeit“ unter dem Titel “Wo seid ihr, Professoren?”, die “Autoren-Existenz des wortmächtigen Individualforschers allmählich in die Indikatoren-Existenz des Wissenschaftsmanagers, der seine Erfolge mit riesigen Drittmittelsummen und Spezialveröffentlichungen feiert“ Auch davon möchte Sauer sich in seinem Rundumschlag abgrenzen. Die tatsächliche Zielvorstellung der eigenen Autorschaft bewegt sich in der Mitte zwischen diesen Polen.
Der Fall ist vor allem faszinierend, weil er zeigt, wie konfliktträchtig sich die Arbeit an der Autorschaft zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit gestaltet. Gerade Autorinnen, die eine solche prekäre Autorschaft pflegen, und die entsprechenden Abgrenzungen ausgesetzt sind, scheinen einen besonderen Druck zu verspüren, sich in diesem Feld polemisch zu verorten. Die Zielscheibe ist dabei nicht nur der etablierte Betrieb, sondern eben auch andere öffentliche Figuren, die man auf einem Kontinuum der Legitimität weiter in die Peripherie zu verschieben versucht, etwa, indem man sie öffentlich als “Schlangenölverkäufer” oder “Clowns” bezeichnet.
Die guten Dinge
Das spannende Gespräch, das Hanna Engelmeier und Julika Griem (KWI) und Heinrich Geiselberger (Suhrkamp) hier im Podcast “Krumme Straße” führen, passt sehr gut zum aktuellen Thema dieses Newsletters. Es geht um Publizieren zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit, um die Fallstricke der Wissenschaftskommunikation, und um die Frage, warum die Sozialwissenschaften gerade so gut abschneiden, wenn es darum geht, vielbeachtete Zeitdiagnosen vorzulegen. Dabei gehen die Gesprächspartnerinnen auch auf die Probleme ein, die öffentlichkeitswirksame Publikationen für die wissenschaftliche Karriere bedeuten können. Außerdem: John Lanchester schreibt über die K.I.-Bubble und bei Netflix gibt es eine sehr sehenswerte Dokumentation über die Reporter-Legende Seymour Hersh.
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In eigener Sache
Am 17. Januar erscheint der Roman “Die Routinen” meiner guten Freundin Son Lewandowski, den man sich überall, wo es Bücher gibt, vorbestellen kann (und sollte). Am 3. Februar werde ich die Kölner Premiere des Buchs moderieren. Hier kann man sich ein Ticket sichern.
Man kann ab jetzt Werbung bei “Kultur & Kontroverse” schalten. Ich werde immer exklusiv eine Werbung pro Ausgabe bringen. Mediendaten und Preise schicke ich gerne auf Anfrage.



Schwer zu sagen, wer hier das hochwertigere Schlangenöl vertreibt. Sauer, der voller Ernsthaftigkeit Tomasello und Bourdieu mit ein zwei Händen voll verhaltensökonomischen Experimenten bestückt. Oder der andere Herr, dessen Bücher zu Sphären zwischen Diskursnebel und Bedeutungsgravitation kreisen – nur nie um einen klaren Gedanken. Die einen verkaufen Empirie, die anderen Metaphysik, alle hassen Precht.