Martenstein, Mario Barth und die Armee der Amazon-Rezensenten
Über den Triggerpunkt geschlechtergerechter Sprache
Das beliebteste Thema der ZEIT-Leser:innen?
Anfang des Jahres wurde der Kolumnist Harald Martenstein bei der „Zeit“ nach 24 Jahren verabschiedet. Er wird demnächst bei der „Bild“ den Platz übernehmen, wo früher „Post von Wagner“ erschien. Eigentlich meide ich Martensteins Texte schon lange, zum einen, weil eine bleierne Langeweile und Lustlosigkeit aus ihnen spricht, zum anderen, weil die Entwicklung, die er in den letzten zehn Jahren als Autor genommen hat, einfach zu deprimierend geworden ist. 2022 etwa wurde ein Text von ihm beim „Tagesspiegel“ depubliziert, in dem er erstaunlich viel argumentative Energie in die Frage investierte, ob Querdenker, die sich einen gelben Stern anheften, überhaupt Antisemiten seien. Danach nahm er dort mit großem Getöse seinen Abschied und ging mit dieser Kolumne (er hatte mehrere) zur „Welt“.
Seitdem habe ich nur noch Titel oder Teaser seiner Texte gelesen, und auch nur dann, wenn ich sie sich nicht schnell genug überscrollen ließen. Allerdings habe ich jetzt im Abschiedsinterview mit dem „Zeit Magazin“ einen Kommentar gesehen, der mich aufhorchen ließ. Dort wird Martenstein darauf angesprochen, wie gerne er sich in seinen Kolumnen über das „Gendern“ lustig gemacht habe („Jedes Mal, wenn irgendwo im Land gegendert und darüber berichtet wurde, rief jemand lachend: ‚Das wird der nächste Martenstein!‘“). Darauf antwortet er:
„Ich habe gar nicht so oft über Gendern geschrieben, wie es Ihnen scheint, habe dabei aber festgestellt, dass es bei ZEIT-Lesern nichts Beliebteres gibt als Kolumnen, in denen man sich übers Gendern lustig macht. Ich war ja mehrfach auf Schiffsreisen mit ZEIT-Lesern zusammen, da hieß es oft: ‚Hören Sie bloß nicht auf, über das Gendern zu lästern, lassen Sie sich das auf keinen Fall ausreden.‘ Mir ist aber klar, dass man es anders sehen kann. Die einen Leute regen sich auf, andere Leute sind begeistert. Das macht ein optimales Kolumnenthema aus.“
Was an dieser Stelle in schmunzelndem Einverständnis einfach ausgeplaudert wird, ist das extrem peinliche Geschäftsmodell des modernen Kolumnismus. Der Kolumnismus folgt einer Nachfrage, die sich gerne möglichst oft in süffigen Textchen ihre Ressentiments bestätigen lassen möchte. Martenstein, der sich in den letzten Jahren systematisch als Außenseiter des linksliberalen Mainstreams inszeniert hat, gibt hier ganz offen zu, dass er gerne über Themen schreibt, die beim Publikum ausgesprochen beliebt sind - vor allem offenbar bei Menschen, die in der Lage sind, mehrere tausend Euro für eine Schiffreise hinzublättern – you know, das einfache Volk, das sich vom Gendern der Elite abgestoßen fühlt…
Die Tatsache, dass es unter „Zeit“-Leser:innen offenbar nichts Beliebteres gibt, als sich über das Gendern lustig zu machen, verweist auf den libidinösen Status dieses Ressentiments - die fast rauschhafte Freude an einer Verachtung, die sie sich mit den Fans von Mario Barth teilen. Diese Fans haben vielleicht nicht die 7000 Euro für eine Mekong-Flussreise parat, aber sicher die 35 Euro, die ein T-Shirt mit der Aufschrift „Ich gender nicht, ich habe einen Schulabschluss“ aus dem Barth-Fanshop kostet. Hier trifft Martensteins gediegener Anti-Intellektualismus (alle Menschen, die gendern, behauptet er im Interview, seien Journalisten, an der Uni oder in NGOs) auf die prollige Bildungsbeflissenheit eines Mario Barth („Ich habe einen Schulabschluss“). Es handelt sich um einen fast rührenden klassenübergreifenden Konsens, der sich im gemeinsamen befreiten Wiehern über die Absurdität der modernen Gesellschaft Bahn bricht.
Wer sich jedenfalls gefragt hat, warum in den letzten Jahren hunderte, wenn nicht tausende Male der immergleiche Text veröffentlicht wurde, der findet hier die Antwort. Es handelt sich um den ultimativen Triggerpunkt eines libertären Autoritarismus, der Material für die heroisierende Selbsterzählung des eigenen Widerstands gegen einen erfundenen Zeitgeist braucht - einen Zeitgeist, der ihm seine Freiheit nehmen will. Diese affektpolitische Grundlage erzeugt einen ungeheuren Hunger nach Texten, in denen diese Vorstellung bestätigt wird, egal wie abwegig diese Texte werden können.
Mein absoluter Liebling bleibt das fiktive Interview, das die „Berliner Zeitung“ mit Immanuel Kant führen ließ. Hier bittet der Autor den seit über 200 Jahren toten und ziemlich hilflosen Philosophen, das Konzept der „geschlechtergerechten Sprache“ einmal im Lichte der Vernunft zu betrachten, sprich: es sehr hart zu kritisieren. Man traut seinen Augen kaum, aber das Format ist real und wurde von einer professionellen Redaktion durchgewunken. Für einen Teil vom Anti-Gender-Kuchen ist man offenbar bereit, alle Standards zu verabschieden.
Was den Anti-Gender-Diskurs vollends repräsentativ für den aktuellen politischen Moment macht, ist die Tatsache, dass man einerseits ganz offen zugeben kann, dass es sich um ein extrem mehrheitsfähiges Ressentiment handelt, andererseits immerzu so tun muss, als handele es sich um einen finsteren Akt der Willkürherrschaft, der den Menschen brutal aufgezwungen wird. Seit Jahren geht etwa die Mär um, dass Studierende schlechte Noten bekommen würden, wenn sie keine geschlechtergerechte Sprache verwenden würden. Was stattdessen passiert, ist, dass Gesetze verabschiedet werden, die die Verwendung geschlechtergerechte Sprache an staatlichen Institutionen verbieten: reale Verbote also zur Abwehr erfundener Verbote, gestützt durch eine Mehrheit von Unterdrückten, die sich mit Hilfe des Staates gegen die hegemoniale Kultur zur Wehr setzen muss.
Diese offizielle Politik wird durch eine ganze Armee an Freiwilligen unterstützt, die auf Rezensionsplattformen wie etwa Amazon reihenweise schlechte Rezensionen zu Büchern schreiben, in denen geschlechtergerechte Sprache verwendet wird. Diese Besprechungen zeichnen sich vor allem durch drei Dinge aus: große Aggression, große Sorge um die deutsche Sprache und große sprachliche Schlampigkeit. Vor zwei Wochen teilte Gabriel Yoran eine Rezension zu seinem Buch „Die Verkrempelung der Welt“, in der es hieß, ab Seite 11 „verkrempele“ die Sprache. Was passiert auf dieser Seite? Man findet dort das Wort „Verbraucher:innen“. Eine weitere Rezension beklagt den Schreck, den die lesende Person empfunden habe, als dann doch die verhassten Doppelpunkte aufgetaucht seien.
Weitere Beispiele für dieses Phänomen lassen sich problemlos finden: etwa ausgerechnet zum Buch „Sprache ist, was du draus machst!“ des Linguisten Simon Meier-Vieracker. In einer Rezension heißt es: „solch einen, zudem montär verbandeltem, sprachvandalismus kann und werde ich nicht unterstützen; das werk wird postwendend zurückgesandt.“ Oder zum Buch „Demokratie im Feuer“ von Jonas Schaible. Hier heißt es: „Interessantes Thema, leider komplett durchgegendert und daher für mich weder hör- noch lesbar.“ Zu Kristin Kopfs „Das kleine Etymologicum“ schreibt jemand: „Ein unlesbares Buch, weil sich die Autor in seinem Geschlechterwahnin nicht das deutschen Sprache bedient“. Jemand anderes kommentiert: „Wir haben eine gute deutsche Sprache, mit der man alles darstellen kann - warum muß man unsere Sprache so verschandeln?“
Wenn man Autor:innen, die in ihren Büchern und Texten geschlechtergerechte Sprache verwenden, fragt, dann stößt man auf immer mehr Beispiele, die sich vor allem durch ihre deprimierende Gleichförmigkeit auszeichnen. Viele berichten auch von feindseligen E-Mails, in denen ihnen langatmig erklärt wird, was sie alles falsch machen und warum das den Untergang der Kultur bedeutet. Auch ich habe solche E-Mails schon bekommen. Und auch bei meinem Buch „Wut und Wertung“ war die erste Rezension auf Amazon eine 1-Stern-Besprechung, was zunächst als Durchschnittsbewertung direkt über dem Buch angezeigt wurde - quasi der erste Paratext, den man auf der Seite sehen konnte.
In der Rezension heißt es: „Schade, das Thema ist zwar interessant, aber … in diesem Buch wird leider typographisch ‚gegendert‘ - mit dem besonders deplatzierten Doppelpunkt. Das habe ich glücklicherweise schon vor dem Kauf bemerkt. Es ist mir absolut unverständlich, wie Verlage immer noch an dieser geschäftsschädigenden Praxis festhalten können. Regelmäßig werden doch Umfrageergebnisse publiziert, in denen die große Ablehnung des indoktrinären ‚Genderns‘ überdeutlich wird. Interessanterweise sind Distinktionsbedürfnisse einer vermeintlichen Kulturelite gerade das Thema des Buches. Der Stern soll also nicht das Thema abwerten, sondern die unlesbare Ausgabe von S. Fischer.“
Eine weitere Rezension lautete: „Ich habe mich nach einigen guten Rezensionen sehr auf dieses Buch gefreut; leider von der ersten bis zur letzten Seite durchgegendert. Wie schade! Wer Kunden und Lesern seine Ideologie aufzwingt, wird sie verlieren.“
Geschäftsschädigend soll die Praxis natürlich dadurch werden, dass Menschen wie die rezensierende Person diesen Schaden selbst betreiben. Der Kunde tritt hier als politisiertes Subjekt in den Vordergrund und beklagt lauernd den Misserfolg einer sprachlichen Form, den er sich selbst herbeisehnt. Ein Buch, das so etwas macht, das kann (muss) man bewerten, ohne es gelesen zu haben, selbst wenn das Thema interessant sein sollte.
Man muss dazu sagen, dass mein Ärger über diese erste Rezension mir damals auf Social Media viel Solidarität eingebracht hat, allerdings auch weiteren Ärger. Wirklich politisch wirksam sind am Ende natürlich die Menschen, die sich so sehr in diesen Konflikt hineingesteigert haben (aufgepeitscht durch hunderte für Klicks produzierte Kolumnen), dass sie ihre kostbare Freizeit investieren, um Texte abzuwerten, die geschlechtergerechte Sprache verwenden.
Am Ende handelt es sich dabei um eine Disziplinierungskampagne, die die kommunikative Infrastruktur des Internets nutzt, um Menschen und Institutionen zu verunsichern. Diese Kampagne wird von zahlreichen Menschen offenbar wie ein Hobby betrieben. Man verwendet dabei gezielt eine Rezensionsplattform wie Amazon, weil man weiß, dass es einen direkten Zusammenhang von Bewerten und Verkaufen gibt. Die Botschaft ist klar: Lass das bleiben, or else… Es ist im Wesentlichen genau die Haltung, die die Gegner geschlechtergerechter Sprache anderen unterstellen.
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Die guten Dinge
Im sehr hörenswerten Podcast “Hit Parade” von Slate geht es diese Woche um David Bowie. In der “New Yorker Radio Hour” wird ein interessantes Buch über den rechtsradikalen Impresario Tucker Carlson vorgestellt. Und: In ihrem neuen Videoessay analysiert Broey Deschanel den Heterofatalismus-Diskurs und den Pop-Feminismus.
In eigener Sache
Ich war ein zweites Mal im tollen Podcast “Natürliche Ausrede”. Diesmal ging es um den Niedergang der Kritik, um digitale Meinungsdemokratisierung, um das Verhältnis von Orwell und Huxley, um die Selbstinszenierung als Außenseiter etc. Hier und überall, wo es Podcasts gibt, kann man die Folge hören.
Man kann ab jetzt Werbung bei “Kultur & Kontroverse” schalten. Ich werde immer exklusiv eine Werbung pro Ausgabe bringen. Mediendaten und Preise schicke ich gerne auf Anfrage.




Es ist leider wirklich so simpel: Niemand ist am Genderdiskurs so fetischhaft interessiert (milde ausgedrückt) wie die Gegner des Genderns.
Persönliche Meinung:
Wer ein Buch nicht liest weil er die Sprache darin ganz doll schlimm findet ist womöglich noch nicht bereit für den Inhalt. Es sind ja doch eher progressivere Themen, bei denen inklusive Sprache verwendet wird. Trotzdem schade für die Außenwirkung der Werke selbst.
Alles Gute noch für dein eigenes Buch, ich habe es mir auch mal auf die wishlist gesetzt 😊