K.I. und Konflikt.
Ein kurzes Update zu einem virulenten Thema.

K.I. als kollektive Wahnvorstellung
Ich habe erst einmal ChatGPT gefragt, wie K.I. unsere Kultur im Moment verändert und … Nein, habe ich natürlich nicht. Alle Reden-, Grußwort- und Kolumnenschreiber müssen mit diesem billigen Einstieg sofort aufhören. Womit man vorerst nicht aufhören kann, ist, zu beobachten, wie die Konflikte um K.I. den kulturellen Diskurs bestimmen. Ein Artikel aus der taz vom Anfang des Monats etwa beschäftigt sich mit der Tatsche, dass immer mehr Verlage K.I. zur Covergestaltung nutzen. Das sind zum Teil die gleichen Verlage, die Klagen wegen der widerrechtlichen Verwendung ihrer Texte zu Trainingszwecken der Maschinen anstrengen. Schon im Juni hatte Quentin Lichtblau über die eigentümlichen Cover einer neuen Thomas-Mann-Ausgabe geschrieben, die auch in den Sozialen Medien für viel Empörung gesorgt hatte.
Derweil berichtet die Autorin Rie Qudan im Guardian darüber, wie viel ihres neuen Romans von K.I. geschrieben wurde (ungefähr 5 Prozent). Es handelt sich um Passagen, in denen die Protagonistin sich mit ChatGPT unterhält. Allerdings erzählt die Autorin auch, dass sie die K.I verwendet habe, um sich “inspirieren” zu lassen. Der Aspekt der “Inspiration” ist für die Diskussion über K.I. und Originalität vielleicht noch interessanter als das Problem mechanisch generierter Inhalte. Während es auf den ersten Blick unmittelbar problematisch erscheint, sich einen ganzen Text, oder einen Textabschnitt von einem Programm schreiben zu lassen, ist die Frage, ob man sich im Austausch mit dem Programm “Inspiration” holen darf, komplizierter. Wäre das nicht wie ein Gespräch mit einer Freundin? Oder die Lektüre eines anderen Buches, von dem man sich Impulse verspricht?
Die Frage wird uns weiter beschäftigen und für Konflikte sorgen. Die kritische Reaktion auf K.I. wird allerdings auch weiterhin irritierende Formen des Authentizitätskitsches erzeugen, so wie diesen Artikel, der - wenn ich das recht sehe ohne Ironie - das Schreiben per Hand als letzte mögliche Verteidigung gegen K.I. vorschlägt (“Japanese pencils and notebooks, German sharpeners. Sun-bitten Australian hands.”). Da kann ich nur sagen: nein danke. Ein Rückzug auf den Wellness-Diskurs des Kreativen, auf eine Fetischisierung des Handgemachten, auf den Geruch von Papier, das Kratzen des angespitzten Bleistifts etc. - auf all diese Dinge sollte der kritische Diskurs um die neue Technik verzichten. Ein Blick in die Diskursgeschichte neuer Medien zeigt allerdings (das warme Knacken des Vinyls etc.), dass es davon wahrscheinlich eine Menge geben wird.
K.I. verändert nicht nur (und vielleicht nicht einmal in erster Linie) die Welt der Künste, sondern vor allem auch den Alltag. Davon handelt ein berührender Text von Till Raether, der darüber schreibt, wie der Konflikt über die Verwendung von K.I. eine Freundschaft verändert hat, Titel: “Der Feind in meinem Chat.” Vor diesem Hintergrund ist es kaum verwunderlich, dass Charlie Warzel im Atlantic zu der Erkenntnis kommt, K.I. entwickele sich zu einem “mass-delusion event” - einer kollektiven Wahnvorstellung. Während der Autor das gruselige Video schaut, in dem ein Moderator einen toten Jugendlichen interviewt, hat er das Gefühl, langsam durchzudrehen: “I feel like I’m losing my mind watching it.” Ich erinnere mich noch, wie irritiert ich 2021 von der Nachricht war, dass man die Stimme Anthony Bourdains für eine Dokumentation über sein Leben künstlich erzeugt hatte, um ihn Dinge sagen zu lassen, die er nicht mehr sagen konnte. Diese digitale Störung der Totenruhe erschien mir damals schockierend pietätslos - heute entwickelt sie sich langsam zur Normalität.
Warzel schreibt in seinem Essay, dass die Unternehmerphilosophen, die seit Jahrzehnten den öffentlichen Diskurs verpesten, bereits ausgiebig darüber fantasieren, wie viele Arbeiter:innen ihre Jobs verlieren könnten. Die Panik die Schreckensmeldungen über K.I. verbreiten soll, ist Teil einer Werbestrategie, in der jede Horrorvision einer neuen Technik dazu dient, die mythische Leistungsstärke dieser Technik unter Beweis zu stellen. Gleichzeitig kann man in einem Artikel von John Cassidy im New Yorker über eine Studie lesen, die herausgefunden hat, dass in den letzten Jahren zwar 30 bis 40 Milliarden Dollar von Unternehmen in K.I. investiert wurden, dass aber 95 Prozent dieser Organisation keine Resultate erzielt haben: “95% of organizations are getting zero return.” Oh, und ChatGPT5 war offenbar ein Flop, der vor allem großes Händeringen darüber ausgelöst hat, dass die K.I. seit dem Update nicht mehr so nett und unterwürfig ist wie früher. Kurzfristig herrschte Panik, dass der neue Internet-Freund einem plötzlich die kalte Schulter zeigt.
Mich würde Interessieren, wie und wo K.I. euren Alltag und vielleicht auch eure Arbeit geprägt hat - oder eben auch nicht geprägt hat. Schreibt es gerne in die Kommentare. Gibt es Bereiche, in denen die Technik eine große Rolle spielt? Oder handelt es sich momentan noch um ein Phänomen, das vor allem in den Medien existiert?
Die guten Dinge
Ein wirklich brillanter Artikel von Filmkritiker Sam Adams auf Slate stellt die Frage, warum die neuen Filme von Ethan Coen so schlecht sind und was das über die besondere Kooperation der Coen Brothers und über künstlerische Kooperation im Allgemeinen sagt. Sehr lesenswert ist auch diese Analyse der “Einer-gegen-Alle”-Formate, die gerade das Internet beherrschen. In diesen Formaten tritt ein Star gegen eine Gruppe von Fans oder Anti-Fans an. Die neue Nähe-Kultur der digitalen Star-Kommunikation ist demnach in eine Phase eingetreten, in der man das Idol nicht nur treffen, sondern sich auch mit ihm duellieren kann. Kyle Chayka schreibt in seiner Kolumne über Memes, die sich in den Körper einschreiben und den Labubumatchadubaichocolate-Komplex. Außerdem: Ein digitales Lektüreprotokoll über einen Roman von Sebastian Fitzek; ein spannender Beitrag über ein Zerwürfnis im rechtslibertären Mises-Institut; und ein paar gute Posts.
In eigener Sache
Ich war zu Gast im Radiokolleg des ORF zum Thema “Das Absurde” und habe dort unter anderem über Trump und die Destabilisierung unserer geteilten Realität gesprochen. Das ganze Gespräch, das ich mit Till Köppel geführt habe, kann man hier im Podcast nachhören (Youtube/Spotify). Viele nette Rückmeldungen gab es für das Gespräch mit Jan Skudlarek über mein Buch Wut und Wertung. Man kann es zum Beispiel hier nachhören. Jan Skudlarek hat auch noch mal ein paar Anschlussüberlegungen veröffentlicht, die durch die Diskussion inspiriert wurden. Wer diesen Newsletter gerne liest, würde mir einen großen Gefallen tun, ihn weiterzuempfehlen - gerade an Menschen, die sich nicht den ganzen Tag in den Sozialen Medien aufhalten, aber an den Themen, über die ich schreibe, vielleicht auch Interesse haben.


In der beruflichen (kaufmännischen) Berufsschule (16 bis 25 Jahre) wirkt die K.I. in meiner Wahrnehmung insbesondere auf 3 Bereiche:
1. "Klassische" Prüfungsformate sind nicht mehr oder nur noch mit sehr hohem Kontrollaufwand durchführbar.
2. "Klassische" Unterrichtsformate, die von Aufgabenstellungen und Fragestellungen des Lehrbuches bzw. der Lehrkraft ausgehen (und nicht von den Fragestellungen der Lernenden) werden mit K.I. (ohne eigene Auseinandersetzung mit der Thematik) schnell bearbeitet/gelöst.
3. Die Entwicklungen im Bereich K.I. sind so rasant, dass sich Lehrkräfte synchron zur ihrem Arbeitsalltag damit auseinandersetzen und im Unterricht erproben müssen. Diese Arbeitsweise ist vielen Lehrkräften imho nicht vertraut. Herausfordernd ist hier weiterhin, dass es bisher an Zeit, Organisation und geeigneten Formaten mangelt.
Viele Grüße!