KI-Ekel und KI-Paranoia
Rezeption im Zeitalter künstlicher Intelligenz
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KI und Paranoia
Ein Thema, das mich gerade besonders interessiert, ist, wie sehr die Paranoia darüber, etwas könnte mit KI generiert sein, den ästhetischen Diskurs bestimmt. Vielleicht wird die KI-Paranoia einen viel größeren Einfluss auf die Kulturgeschichte haben als die Technik selbst. Daran musste ich wieder denken, als ich den neuen Essay von Berit Glanz in der FAS gelesen habe, in dem sie sich mit einer Ausstellung der Sängerin Björk beschäftigt. Bereits wenige Stunden nach der Eröffnung habe es Vorwürfe gegeben, der neue Song und die verwendete Videoästhetik seien mit KI erstellt worden. Es half der Sängerin nicht, dass sie seit langem dafür bekannt ist, neue Technik in ihre Kunst zu integrieren - zahlreiche Menschen gingen trotzdem mit “immer stärker eskalierender Paranoia” auf Spurensuche.
Der forensische Furor, der überall KI sucht und sieht, verweist auf eine neue Hermeneutik des Verdachts, die die Kulturgeschichte der Zukunft maßgeblich prägen wird. Die Frage “Ist das KI-generiert” kontaminiert schon jetzt den Alltag der Rezeption. Und nicht zu unrecht. Seit Programme wie “Pangram” aufgetaucht sind, die versprechen, die Verwendung von KI nachweisen zu können, häufen sich die peinlichen Skandale. Gerade wurden zwei Ministerpräsidenten dabei erwischt, einen ganzen KI-generierten Meinungsbeitrag veröffentlicht zu haben. In Australien wurde der Meinungsbeitrag einer Professorin depubliziert, nachdem öffentlich geworden war, dass sie KI verwendet hatte. In dem Artikel ging es darum, dass Studierende ihr Denken nicht an KI auslagern sollten. Aber auch die Literatur ist betroffen. Im März wurde der Roman “Shy Girl” vom Verlag Hachette zurückgezogen und vor kurzem gab es entsprechende Vorwürfe gegen eine der Gewinnergeschichten beim Commonwealth Foundation Short Story Prize, die auf der Internetseite von Granta veröffentlicht wurde.
All diese Fälle verstärken die Paranoia des KI-Verdachts, die sich in unsere Rezeptionsgewohnheiten einschreiben wird. Dabei entstehen auch neue Figuren der angemessenen Rezeption: Gute Leser:innen können direkt erkennen, dass es sich um KI handelt. Die Implikation ist, dass schlechten Leser:innen dieses Gespür fehlt. Ein gutes Beispiel für diesen Diskurs ist ein Artikel über den Shy-Girl-Skandal von Imogen West-Knights für Slate. Hier wird eine der Leserinnen zitiert, die von Anfang an misstrauisch gegenüber dem Roman gewesen waren. Diese Leserin spricht von einem „A.I. ick“, der sie beim Lesen beschlichen habe – ein Moment der Störung, ein kurzer Anflug von ästhetischem Ekel. Dieser „ick“ wird allerdings nicht durch die Analyse individueller Details ausgelöst, sondern zunächst vor allem durch ein Gefühl: Da sei keine Formulierung gewesen, kein Aspekt der Wortwahl, der Syntax, der Grammatik, die ChatGPT nicht genauso hätte liefern können.
Was sich hier abzeichnet, sind die Konturen einer neuen Gefühlshermeneutik des KI-Verdachts. Dieser Verdacht tritt der Leserin zunächst als emotionale Störung entgegen (als „ick“). Die Paranoia des modernen Autorschaftsdiskurses wird also zur Grundlage einer kompetenten Lektüre; der Verdacht liest mit, als ungutes Gefühl, das dann nach und nach immer mehr Anzeichen und Muster erkennt. Es wird sehr interessant, zu beobachten, wie sich diese Konzeption der Lektüre entwickeln wird. Denn die Frage, die man sich stellen muss, lautet: Was ist mit den Menschen, die keinen KI-Ick haben, die die Texte möglicherweise sogar genießen. Für das Projekt, an dem ich gerade arbeite, habe ich z.B. die tausenden von begeisterten Wortmeldungen zu Shy Girl ausgewertet, die man auf Plattformen wie Goodreads oder Amazon zu dem Roman finden kann. Für diese Leser:innen, kann man sagen, hat der “AI ick” nicht geklickt.
Was sind Eure persönlichen Erfahren mit KI-Texten? Habt ihr schon mal einen Text, der teilweise generiert war, genossen? Würdet Ihr euch betrogen fühlen, wenn sich ein Text nach der Lektüre als generiert herausstellen würde? Schreibt es gerne in die Kommentare.
Über die moralische Verdüsterung der Welt
Am 29. Januar 2019 um 2.23 Uhr betrat der 19 Jahre alte Zac Brettler den schmalen Balkon von Apartment 504 im noblen Riverside-Walk-Komplex in London, der direkt über der Themse liegt. Eine Kamera des gegenüberliegenden MI6-Gebäudes nahm auf, wie der junge Mann zunächst nach unten blickte, sich dann auf das Geländer stellte und sprang. Am nächsten Morgen wurde er tot am Ufer des Flusses gefunden. Wie er dorthin kam und ob sein Sprung Suizid oder einen Fluchtversuch darstellte, davon handelt Patrick Radden Keefes neues Buch „Der Sohn des Oligarchen“…
Für die FAS habe ich über das neue Buch von Patrick Radden Keefe geschrieben. Den Artikel kann man hier weiterlesen.
Ein extrem deprimierendes Video
Über 10 Jahre wurden die Universitäten durch tausende von “Cancel Culture”- Leitartikeln sturmreif geschossen, jetzt werden sie in den USA durch eine rechte Regierung systematisch zerstört. Dieses extrem deprimierende Video illustriert das an einem Fall. Die Universität wurde von rechten Eiferern und Clowns übernommen, die die Institution entkernt und vernichtet haben. Leben wurden ruiniert und Bücher in den Müll geschmissen.
Die guten Dinge
Im LRB findet man einen dystopischen Artikel von Stefan Collini, der erzählt, wie das Universitätssystem im UK durch neoliberale Politik zerstört wurde. Den Text muss man unbedingt als Warnung lesen, wo die Reise auch hierzulande hingehen könnte.
Dazu passt auch die neue Folge des extrem hörenswerten Podcasts “In Bed with the Right” von Adrian Daub und Moira Donegan, die sich mit den politischen Implikationen der “Plagiatsjagd” beschäftigt.
Louis Menand schreibt im New Yorker über ein neues Buch, das die Wirkungsgeschichte des Prozesses gegen den Roman “Lady Chatterly’s Lover” aufarbeitet.
In einer neuen Folge Decoder Ring geht es um das rapide Sterben der kompletten Orangenwirtschaft in Florida.
Ein Videoessay von Patrick H. Willems stellt die wichtige Frage, warum es nicht mehr Dinosaurier-Filme gibt.
Volker Weiß schreibt auf 54books über das Debakel der Ein- und Wiederausladung von Peter Thiel bei den Wiener Festwochen.
In eigener Sache
Für das “Handbuch Literaturvermittlung” habe ich den Artikel zu “Literaturkritik (Internet)” geschrieben, der hier bereits online veröffentlicht wurde. Wer Interesse, aber keinen Zugang hat, kann mir gerne schreiben, dann schicke ich ein PDF.
In dieser schönen Sendung im SWR habe ich neben anderen spannenden Gästen darüber gesprochen, wie Geschmack entsteht und warum er konfliktbeladen sein kann.
Zudem kann man hier weiterhin meinen Vortrag auf der re:publica zum Thema “Streiten über Kunst und Kultur im Internet” anschauen.


super spannend mit der „neuen gefühlshermeneutik des KI-verdachts“. die denke „gute vs. schlechte leser_innen“ hab ich bei mir selbst auch schon bemerkt… obwohl ich gestehen muss: ich versuche so stark genKI aus dem weg zu gehen, dass ich gar nicht mitreden kann, wenn leute sachen sagen wie „ah das ist so ein typischer chatgpt-satz“. diese details müssten sich ja bündeln in ein spezifisches wissen, was einen dann dazu befähigt den „KI-ick“ zu haben… naja, ist auf jeden fall was zum weiter beobachten, drüber nachdenken und reden!
Sehr spannender Gedanke, vor allem die Frage nach den Menschen, bei denen der „AI ick“ gar nicht klickt. Ich glaube, genau hier liegt ein sehr wichtiger Punkt. Aber weniger bei der Frage, ob wir KI-generierte Texte immer erkennen. Das können viele Menschen oft vermutlich nicht oder immer weniger gut. Vielmehr bei der Frage, was passiert, wenn wir den Unterschied irgendwann nicht mehr machen wollen. Oder nicht mehr machen müssen. Oder ihn aus Bequemlichkeit einfach nicht mehr in unser Verhalten übersetzen.
Wenn uns Herkunft, ob Mensch oder KI, egal wird, verschiebt sich etwas Grundsätzliches. Dann lesen wir Texte stärker als Output und weniger als Ausdruck. Als funktionierende Oberfläche, nicht als Spur eines menschlichen Gegenübers. Dann zählt, ob etwas glatt, plausibel, angenehm oder verwertbar ist. Aber weniger, ob jemand wirklich etwas gemeint, gerungen, riskiert oder verantwortet hat. Eigentlich würde das (leider) ganz gut in den Zeitgeist passen.
Ich habe neulich darüber geschrieben: Was geben wir auf, wenn uns Inhalteherkunft egal wird? (https://theandrecramer.substack.com/p/dranbleiben-denkanstoss-276)
Vielleicht ist der „AI ick“ nicht nur eine neue Form von Paranoia. Möglicherweise, bzw. hoffentlich ist er auch ein Restwiderstand. Ein Hinweis darauf, dass Menschen in Kultur doch noch immer mehr suchen als Text, Bild, Ton oder Stil. Das sie auch Herkunft, Absicht, Erfahrung und Verantwortung suchen. Wünsche ich mir auf jeden Fall. 🙏