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I.
Harald Martenstein hat in der “Welt am Sonntag” einen Text über die Ereignisse von Ceuta veröffentlicht, in dem er alle politischen Zügel schießen lässt. Diese Entwicklung hat sich gut sichtbar schon seit langem angekündigt, aber in diesem Text spürt man eine gewisse Erleichterung darüber, jetzt endlich alles sagen zu können. Die Rede ist von “70.000 Invasoren”, von “Eroberungsmigration”, es geht um “Vergewaltigte oder um Erstochene”, die für Linke als der “unvermeidliche Preis für das, was sie Vielfalt und Buntheit nennen”, gelten würden. Über die Migranten heißt es: “Sobald ihre Zahl es hergibt, werden sie die Regeln bestimmen.” Das ist keine neue oder originelle Rhetorik (auch nicht bei Martenstein), es ist aber mindestens interessant, sie von einem erfolgreichen Kolumnisten zu hören, dem bei seinem Abgang beim ZEITmagazin von den Kollegen noch bunte Sträuße gedreht wurden.
Was den Text kulturwissenschaftlich und kultursoziologisch interessant macht, ist, dass er zu Beginn einen literaturhistorischen Umweg macht. Das ganze erste Drittel dreht sich nämlich um den Roman “Das Heerlager der Heiligen”, den der französische Autor Jean Raspail 1973 veröffentlichte, und der in der Folge zu einem Kultbuch der rechtsradikalen Szene avancierte. Quinn Slobodian etwa hat in seinem Buch “Hayek’s Bastards” nachgezeichnet, wie wichtig der Roman seit den 1970er Jahren für die US-amerikanische Rechte gewesen ist.
In “Das Heerlager der Heiligen” wird auf eine lustvolle Art die Überschwemmung Europas durch eine Flotte von Migranten evoziert. Die weichmütigen Europäer sind hilflos gegen den Ansturm der Massen, leiden unter dem, was der rechten Publizist Gad Saad gerade (in einem Lieblingsbuch von Elon Musk) als “suizidale Empathie” bezeichnet hat. Sie lassen sich aus emotionaler Weichheit und ideologischer Verblendung überrennen und beherrschen. Nur eine Elite aus Soldaten, Intellektuellen und Priestern leistet verzweifelten Widerstand.
Als Roman handelt sich sich - das gleich vorweg - um ausgesprochen schwere Kost: eine dümmlich-ausufernde und ziemlich pornographische Satire auf eine lebensmüde liberale Gesellschaft. Laura K. Field bezeichnet ihn in ihrem Buch über MAGA-Intellektuelle als “zutiefst rassistisch”, eine “entmenschlichende und Angst schürende Abhandlung über die künftige Unterwerfung Europas durch nicht-weiße Fremde“ (“a dehumanizing and fear-mongering tract about the future subjugation of Europe by nonwhite foreigners”). In einem Artikel über Viktor Orbán, der sich (wie auch Marine Le Pen) positiv auf den Roman bezog, vermittelt die Journalistin Cathy Young einen guten Eindruck von den Qualitäten, die Leser:innen von “Das Heerlager der Heiligen” erwarten. Der Roman ist geradezu besessen von Fäkalien, Inzest, Pädophilie und berauscht sich am Ekel seiner barocken Horrorvorstellungen:
“Im gesamten Buch werden die Migranten als abstoßende, brodelnde Masse dunkler Körper dargestellt; die einzige identifizierbare Person unter ihnen, eine Art Anführer, ist ein Mann, der als ‘der Scheißeschlucker’ bekannt ist – ein Riese, auf dessen Schultern sein grauenhaft entstellter Sohn wie ein ‘abscheuliches Totem’ thront. […] Wie zu erwarten, nimmt Raspails rassistisches Horrorspektakel oft die Form grotesker Pornografie an. Die indischen Flüchtlinge an Bord der Schiffe verbringen den Großteil ihrer Reise in wahllosen pansexuellen Orgien – ‘ein Gewirr aus Händen und Mündern, aus Phalli und Hinterteilen’.”
II.
Man kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass jemand dieses Buch gerne liest. Seine Attraktivität liegt im Identifikationspotential der politischen Phantasmagorie, die hier entworfen wird, und in der adoleszent-heroischen Schamverletzung, ein solches Buch zu lesen und zu feiern. Rechte Ästhetik zeichnet sich, wie Peter Hintz bereits 2020 in einem brillanten Essay gezeigt hat, oft durch eine solche Mischung von hochkulturellen Gesten und schamverletzender alberner Provokationen aus. Wer sich als Kenner von Raspail zu erkennen gibt, löst eine Eintrittskarte in den Kreis der Eingeweihten. Man kennt und teilt die Referenzen - rechtsintellektueller “locker-room-talk.”
Etwas Ähnliches konnte man gerade im Fall des Films “Citizen Vigilante” von Uwe Boll beobachten, der auf ähnlich lustvolle Art die Mordtaten eines amerikanischen Geschäftsmannes inszeniert, der sich für die Verbrechen rächt, die Muslime in einer hilflosen europäischen Gesellschaft begehen. Boll galt die längste Zeit als leidlich vergnügliches Meme, ein Mann, der sich lustvoll auf seine Rolle als ‘schlechtester Regisseur aller Zeiten’ einließ. Auch “Citizen Vigilante” ist von großer technischer Inkompetenz, gewalttätig, inkohärent und ranzig. Elon Musk, der zu den wichtigsten Multiplikatoren rechtsradikaler Ideologie gehört, gab dem Film (insbesondere auf X) eine große Plattform. Das lag vor allem daran, dass seine Botschaft dem Vorbild Raspails folgt. Auch in diesem Fall ist das Ziel der Polemik vor allem die effeminierte liberale Demokratie, die sich alles gefallen lässt.
Es ist wahrscheinlich Ausdruck “suizidaler Empathie”, aber man muss mit den Menschen, die aus ideologischen Gründen gezwungen sind, Filme von Uwe Boll oder eben Romane wie “Das Heerlager der Heiligen” zu konsumieren und zu feiern, auch ein gewisses Mitleid empfinden. Es handelt sich um “Trotzrezeption”, um eine schmerzhafte ästhetische Selbstverleugnung, die sich vor allem durch die Irritation motiviert, die diese Rezeption beim politischen Gegner auslöst. Man kann nicht sagen, dass hier nicht eine große Opferbereitschaft (Boll, Raspail…) zu beobachten wäre.
III.
Zurück zu Martenstein, der sich - ideologisch befreit - nun selbst positiv auf Raspails Roman bezieht. Was den Fall so interessant macht, ist, dass es sich um ein Lehrstück der Nobilitierung handelt: Das bedeutet, dass ein Artefakt, das bis dahin wenig kulturelles Kapital besessen hat, aufgewertet und in den Bereich des kulturellen Mainstream erhoben wird. Martenstein setzt dazu zwei Strategien ein. Zum einen bezieht er sich direkt auf eine hochkulturelle Autorität. Der Text beginnt so: “Es gibt einen Bestseller, der den Fall Europas schon 1973 beschrieben hat und den der französische Autor Michel Houellebecq als Inspiration für seinen Roman ‘Unterwerfung’ benutzt hat.”* Über den Gewährsmann Houellebecq, der von Feuilleton und Literaturbetrieb ausreichend kanonisiert wurde, wird “Heerlager der Heiligen” langsam in Richtung Respektabilität geschoben. Dafür wird direkt eine weitere Autorität bemüht. In einem Artikel im “Spiegel” von 2018 sei der Roman mit George Orwells “1984” verglichen worden.
Man hat also noch nichts über den Inhalt des Buches gelernt, weiß aber schon, dass er quasi Teil eines literarischen Kanons ist, der Orwell und Houellebecq miteinschließt. Wie die Forschung gezeigt hat, handelt es sich dabei um eine effektive Strategie rechter Literaturpolitik. Explizit rechte Werke werden “durch die Nähe zu kanonisierten Autoren normalisiert und aufgewertet”. Die Namen der anerkannten Autoren fungieren dabei wie Empfehlungsschreiben, die der Einführung des Romans vorausgeschickt werden. Gleichzeitig hat der Roman selbst wiederum die Funktion, Martensteins entfesselte Rhetorik kulturell zu vergolden. ‘Seht her’, sagt eine solche Referenz, ‘ich bin kein dumpfer Hetzer, sondern ein gebildeter Mann, dessen Imagination durch Romane geschult wurde und nun durch die Realität eingeholt wird’.
Die wichtigste Funktion in dieser Nobilitierungsstrategie ist allerdings der “Spiegel”-Artikel, hinter dem sich Martenstein regelrecht versteckt. Statt offen die eigene Meinung zu “Heerlager der Heiligen” zu sagen, wird fast ausschließlich aus diesem Text zitiert. Zunächst heißt es pflichtschuldig, im Artikel stehe, die Kenntnis des Romans gelte als „Erkennungszeichen der neuen, bürgerlichen Rechten“. Das kleine Wort “bürgerlich” übernimmt hier ebenfalls eine nobilitierende Funktion, die den inzwischen fest etablierten Begriff “neue Rechte” mit der Respektabilitäts-Markierung “bürgerlich” parfümiert. Martenstein nimmt diese Aufwertung nicht selbst vor, sondern übernimmt sie aus dem nützlichen “Spiegel”-Artikel. Aus diesem Artikel stammt auch die Inhaltszusammenfassung, die Martenstein ausführlich zitiert:
Was passiert hier? Ein Roman, der über Jahrzehnte das Phantasma einer Invasion genährt und in den Köpfen der Rezipient:innen verankert hat, wird aufgerufen und an ein konkretes Ereignis rückgebunden. Dabei wird nicht stringent argumentiert, sondern eine Melange aus Bildern und Assoziationen entworfen: Landung in der Normandie, September 2015, Jean Raspail - historische, zeitgenössische und fiktive Elemente werden verrührt. Was dabei herauskommt, ist weniger politisches Bekenntnis als atmosphärisches Tableau. Abgesichert wird das Ganze durch die Nobilitierungsgesten, die eine Erlaubnisstruktur für die Referenz entwerfen: Houellebecq hat es erlaubt, der “Spiegel” hat es erlaubt.
IV.
Auf diese Legitimationsstruktur, auf die Martenstein unmittelbar zugreifen kann, sollte sich der kulturwissenschaftliche Blick richten. Nobilitierung erfolgt nicht aus dem Nichts, sondern wird über längere Zeit aufgebaut, durch die Akkumulation von Konsekrationsgesten. In diesem Fall ist ein wichtiger Faktor natürlich die Autorschaft Martensteins selbst, dessen Bild als schmunzeliger Großkolumnist für das ZEIT-Publikum nach wie vor eine gewisse Stabilität besitzt. Zu dieser Struktur gehört allerdings auch der “Spiegel”-Artikel, der sich in einem eigentümlich literarischen Ton mit Raspails Buch beschäftigt. So werden großzügig kursiv gesetzte Passagen aus dem Roman zitiert und mit einem faszinierten Porträt des damals 93 Jahre alten Autors verbunden. Eine Kostprobe: “Mit einem Schlag hatten sich die Decks mit Männern, Frauen, Kindern gefüllt, die seit der Abfahrt in einer Kloake aus Dreck und Scheiße mariniert worden waren; mit einem Schlag kotzten die geöffneten Luken eine Masse ins Sonnenlicht.”
Der “Spiegel”-Artikel ist ein gutes Beispiel für einen Kulturjournalismus, der die eigene Faszination für den Grusel des Sujets lustvoll ausstellt. Natürlich wird die Botschaft des Buches nicht affirmiert, aber man kann sich dem Ganzen auch nicht entziehen: “Es kann durchaus eine Sogwirkung entwickeln, ein apokalyptischer Porno.” Der Twist und schließlich auch die Tragödie des Textes ist, dass er nach der langen Passage zu Raspail umschlägt in ein Porträt realer Geflüchteter, die 2001 mit dem Schiff “East Sea” vor der Küste Frankreichs gestrandet waren. Der Romanautor Raspail sei diesen Menschen nie begegnet”, heißt es im Artikel, “es gebe sie aber: “Sie haben Gesichter und Namen.” Von da aus wird dann eine erfolgreiche Integrationsgeschichte erzählt über Menschen, die gerne Steuern zahlen und CDU-Mitglieder geworden sind. Es geht also darum, die Geflüchteten gegen die Vision zu verteidigen, die in “Das Heerlager der Heiligen” entworfen wird. An einer Stelle heißt es: “Ihr Anführer war tatsächlich ‘ein Mann von hohem Wuchs’, ganz wie in Raspails Roman. Aber kein ‘halbnackter Paria’, kein ‘Jauchefahrer und Kotkneter’. Nein, keineswegs.”
An dieser Stelle muss man sich fragen: Was soll das? Der Versuch, Raspail und die konkreten Schicksale realer Menschen in einem Essay zusammenzubringen, reproduziert eine Assoziation, die der durchschnittliche “Spiegel”-Leser bis dahin noch gar nicht hatte. Der Versuch, eine gruselige hochkulturelle Referenz (den gefährlichen Roman) in den Text einzuführen, um sie kulturell zu vergolden, führt dazu, dass diese Referenz - gegen die Intention des Autors - nobilitiert wird. So kann der Text dann acht Jahre später von Martenstein dazu genutzt werden, um genau den Punkt zu machen, den der “Spiegel”-Autor eigentlich widerlegen wollte. Martenstein ignoriert natürlich vollständig den zweiten Teil des Textes (auch eine Form von Fehlzitat). Alles, was für ihn zählt, ist, dass der Roman im “Spiegel” behandelt und damit in den Bereich der Respektabilität gehievt wurde. Der Link zur Seite des Anta(i)os-Verlags führt dann dazu, dass man dort eine Menge Bücher verkaufen kann, was von den Protagonisten des Verlags wiederum öffentlich bejubelt wird.
Nobilitierung ist kein Prozess, der immer bewusst betrieben wird, im Gegenteil. Es ist oft schwer abzusehen, welche Form der Berichterstattung, der kulturjournalistischen oder wissenschaftlichen Beschäftigung dazu beiträgt. Umso wichtiger ist es, für diesen Aspekt der eigenen Arbeit Verantwortung zu übernehmen. Kulturelle Arbeit muss ihre Beteiligung am Aufbau von Legitimationsstrukturen reflektieren, und die eigene Macht hinterfragen, die ihr bei der Konsekration kultureller Phänomene zukommt. Ansonsten beteiligt man sich, ohne es zu wollen, an der Vergoldung einer kulturellen Referenz, die zu sinistren politischen Zwecken genutzt werden kann.
*Für die These, dass Houellebecq sich öffentlich auf Raspail bezogen hat, kann ich keinen Nachweis finden. Möglicherweise ist sie selbst der stillen Post kultureller Nobilitierung entsprungen.



Guter Text, Johannes! Ich frage mich, ob diese Form von Nobilitierung auch daher rührt, dass viele Teile des rechten Lagers irgendwie ahnen, dass sie kein gründliches Denken mitführen. Egal wie oft Kubitschek Mohler oder Jünger namedroppt, sein Sprechen wird nicht ausgereifter.
Nimm einfach jemanden, der wirklich was drauf hat, lass deine Gedanken wie seine klingen und schon hat man das Rezept, um Scheiße als Gold (auch Nobilitierung genannt) zu verkaufen.
Es ist surreal, dass Menschen wie Martenstein mit so etwas Gehör finden, dabei einfach nicht weiter sind als die Steinzeitmenschen: Angst vor dem Fremden, der mein Mammut will. Ich hab ne Idee, wie Europa nicht zerstört wird: wir vereinen uns.