Ein neues Zeitalter der Raubdrucker
Über Buch-Klone und literarischen Slop
Krieg der Buch-Klone
Wer einmal ein Buch veröffentlicht hat, der kennt die gespannte Nervosität, die die Publikation begleitet. Mit fast paranoider Aufmerksamkeit checkt man den Diskurs: Gibt es schon Rezensionen, Erwähnungen? Gibt es schon Bewertungen auf Goodreads, was ist mein Amazon-Verkaufsrang? Man kann sich den Schock ausmalen, den es bedeuten würde, wenn man beim Durchforsten des digitalen Raums plötzlich auf eine Reihe von Doppelgängern des eigenen Buches stößt - Bücher, die so tun, als wären sie dein Buch, dabei aber dein Buch auch parodieren. Im März 2025 berichtete Tal B. Lavin, wie er am Tag der Veröffentlichung seines Sachbuchs „Wild Faith: How the Christian Right is Taking Over America“ auf Amazon eine Reihe von Büchern vorfand, die seinem eigenen verdächtig ähnlich sahen.
Diese Bücher trugen Titel wie „Talia Lavin Prosopography: Why You Need Wild Faith to Succeed” oder “Tania Lavin Biography: The Wild Faith to Take Over America” – kompletter Blödsinn also, Wortsalat, der vage in Richtung Lebensratgeber tendierte; was angesichts des ersten Themas, dem der Autor sich gewidmet hatte – religiöse Radikalisierung in den USA – fast komisch anmutete.
Die Klone des Buches waren offensichtlich mit KI erstellt und bei Kindle Direct Publishing (KDP) veröffentlicht worden. Es handelt sich also in zweifacher Weise um Erscheinungen der digitalen Gegenwart, in der man zum Verfassen und Veröffentlichen eines Buches weder schreiben können muss noch einen Verlag braucht. Es handelt sich bei Lavins Geschichte nicht um einen kuriosen Einzelfall, sondern um das Beispiel für einen Trend: Eine Schwemme von Plagiaten und Slop-Büchern überschwemmt das Internet, insbesondere die größte Buchhandlung der Welt - Amazon. Diese ‚Bücher‘ geben sich als Arbeitsbücher, Lektürehilfen, Biografien etc. aus, um so zumindest vordergründig dem Fair-use-Standard zu entsprechen. Ein Artikel im „Rolling Stone“ vermutet, dass eine Quelle dieses literarischen Slops die digitale Hustle-Kultur darstellt, die mit allen Mitteln versucht, ‚passives Einkommen‘ zu erwirtschaften:
„Das aktuelle Problem der KI-Plagiate scheint seinen Ursprung in der Online-Community für KDP-Hustle zu haben. Eine schnelle Suche auf TikTok zeigt fast 90.000 Videos und Tutorials darüber, wie man mit KDP durch ständige KI-Veröffentlichungen passives Einkommen erzielen kann. Diese Creator – von denen viele ihre eigenen Arbeitsbücher und Kurse darüber verkaufen, wie man das KDP-System ausnutzen kann – nehmen klassische Literatur aus dem öffentlichen Bereich und fügen mit Hilfe von KI-Zusammenfassungen und Diskussionsfragen hinzu, bevor sie sie mit einem neuen Cover erneut auf die Website stellen. Viele nutzen KI auch, um vereinfachte Versionen von Büchern wie Kinderbüchern, Malvorlagen oder Kochbüchern zu entwerfen und zu veröffentlichen. KI-Plagiate auf Amazon gehen jedoch noch einen Schritt weiter: Sie verwenden nicht nur gemeinfreie Bücher, sondern erstellen auch KI-Versionen von neuen Büchern, die gerade erst erschienen sind – also solchen, nach denen wahrscheinlich mehr Menschen suchen werden.“
Ein Thema, das mich in den letzten Jahren viel beschäftigt hat, betrifft den Konflikt um das ästhetische Eigentumsrecht, um die Frage also: „Wem gehört die Kunst?“ Dieser Konflikt ist im Zeitalter der Digitalisierung neu angefacht worden. So kann eine Ästhetik wie die der Studio-Ghibili-Filme, die bisher stark an die Figur eines genialen Regisseurs gebunden war, im Zeitalter generativer KI auf einmal potentiell von allen verwendet werden – eine radikale Form der ästhetischen Enteignung, über die ich hier geschrieben habe. Ähnliches gilt für den Bereich der Fanfiction, die zu den wichtigsten literarischen Phänomenen der Gegenwart gehört. Was bis vor einigen Jahren noch eine produktive Amateurkultur war, wurde in den letzten Jahren erfolgreich kommerzialisiert, was naheliegende Konflikte zur Folge hatte.
Unsere Gegenwart, so könnte man sagen, fällt zurück in die Zeit der publizistischen Vormoderne, in der das Urheberrecht noch nicht die relative Stabilität der Werkherrschaft hergestellt hatte, die wir heute für normal halten. In der Forschung zum 18. Jahrhundert etwa erscheint der Buchmarkt wie ein Wilder Westen des Publizierens, in dem geistiges Eigentum von Raubdruckern gestohlen wurde oder in dem Bücher einfach bekannten Autoren zugeschrieben wurden, um den Verkauf dieser Bücher (an dem diese Autoren natürlich keinen Gewinn hatten) anzukurbeln.
Über die tödliche Feindschaft, die der populäre Autor Alexander Pope mit dem Buchhändler, Verleger und Gauner Edmund Curll hatte, gibt es ein ganzes Buch: „The Poet and the Publisher“ von Pat Rogers. Darin geht es unter anderem darum, dass Curll Popes Name frei verwendete, um schlechte Bücher zu bewerben und private Briefe des Autors ohne Erlaubnis veröffentlichte. Pope wiederum verhöhnte Curll in seinem satirischen Langgedicht „The Dunciad“ und flößte ihm – weil Worte eben nur Worte sind – ein starkes Brechmittel ein, um dann darüber einen triumphalen Bericht zu veröffentlichen. Nicht nur erinnern solche Geschichten an die harten Waffengänge des digitalen Diskurses, sie verweisen auch auf ihre materielle Grundlage, nämlich die ungeklärten literarischen Eigentumsverhältnisse. Wo man sich nicht sicher sein kann, dass die eigenen Texte und der eigene Autorname institutionell abgesichert sind, herrscht das Gesetz der Straße.
Das Schicksal, das Lavins Buch auf Amazon ereilte, zeigt, wie prekär Autorschaft im digitalen Zeitalter wieder geworden ist. Plötzlich werden Name und Titel des eigenen Buches gestohlen, um in einem aufmerksamkeitsökonomisch günstigen Moment mögliche Buchkäufer abzugreifen. Man kann sich nur schwer vorstellen, dass damit viel Geld zu machen ist, aber die Tatsache, dass diese Betrugsmasche existiert, verweist zumindest auf die Hoffnung, es könne sich für die Betrüger lohnen. Ganz unplausibel ist die Vorstellung, mit Fehlkäufen Geld zu verdienen jedenfalls nicht. Ich musste in dem Kontext an eine kuriose Geschichte von vor ein paar Jahren denken, als der Autor eines Buches “Fire and Fury: The Allied Bombing of Germany, 1942-1945” auf einmal einen unverhofften Verkaufsschub erlebte, da Menschen, die Michael Wolffs skandalöses Trump-Buch “Fire and Fury” kaufen wollten, nicht aufmerksam genug geklickt hatten.
Was in diesem Fall noch ein amüsantes Versehen war, kann im Fall der KI-Plagiate ein echtes Problem für die Autorinnen und Verlage werden, die so nicht nur um mögliche Einnahmen gebracht werden, sondern auch eine Beschädigung ihrer Marke in Kauf nehmen müssen. Es handelt sich um ein gutes Beispiel dafür, was Cory Doctorow als “Enshittification” bezeichnet (über Doctorows Buch “Chokepoint Capitalism” habe ich hier geschrieben). Für Amazon gibt es wenig Anlass, gegen diese Betrüger vorzugehen, da die Plattform dank ihrer Monopolstellung schon lange nicht mehr auf Qualität setzen muss. Ein Beispiel für eine Praxis aus dem “Age of Extraction” (so der Titel eines lesenswerten Buches von Tim Wu) ist ja gerade, dass Amazon erfolgreiche Produkte, die auf seinem Marktplatz verkauft werden, einfach klont und seine Macht nutzt, um die ursprünglichen Hersteller zu unterbieten und zu verdrängen. Insofern entsprechen die KI-Plagiate schlicht der Unternehmenskultur der Plattform, auf der sie verbreitet werden.
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Die guten Dinge
Im “London Review of Books” ist ein schöner Review-Essay über zwei Neue Benjamin-Franklin-Bücher erschienen. In der aktuellen Ausgabe von “The Drift” findet man ein ziemlich wildes und lesenswertes Essay über den Romantasy-Trend. Auf Netflix kann man nun den (von mir) heiß erwarteten neuen Knives-Out-Film “Wake Up Dead Man” sehen, der meine Erwartungen in jeder Hinsicht erfüllt hat - der perfekte Weihnachtsfilm.
Und eine Umfrage:
In eigener Sache
Ab 2026 beginne ich mit einer Förderung der Thyssen-Stiftung mein Projekt mit dem Arbeitstitel: “Die Realität des Autors. Eine Konflikttheorie der Trennung von Person und Werk”. Es gibt nun auch einen kurzen Text zum Projekt auf der Seit der Stiftung.
Im November habe ich hier einen Essay über True-Crime-Magazine veröffentlicht, der ursprünglich in der Pop-Zeitschrift erschienen war. Im Anschluss daran habe ich mit Lena Fuhrmann im Deutschlandfunk über den nicht abflauenden Boom von “True Crime”-Formaten zwischen Aufklärung und Schaulust gesprochen.
Und: Über Kunst und Streit, Games, Serien, Bücher, “Herr der Ringe”, “Uncharted”, “The Witcher” und die Entgeisterung über die Serie “Landman”, also quasi über alles habe ich mit Christopher Braucks im Podcast “Natürliche Ausrede” ein spaßiges langes Gespräch geführt. Man kann es hier hören und überall, wo es Podcasts gibt.
Wie man heute schon sehen konnte, kann man ab jetzt Werbung bei “Kultur & Kontroverse” schalten. Ich werde immer exklusiv eine Werbung pro Ausgabe schalten. Mediendaten und Preise schicke ich gerne auf Anfrage: johannes.franzen1(at)gmail.com



