Ein Alibi für Pornografie?
Wie funktionieren True-Crime-Magazine
Das Problem der immensen Erzählbarkeit von Verbrechen
In der Serie „Bodkin“, die im Mai 2024 auf Netflix veröffentlicht wurde, geht es um eine Gruppe glückloser True-Crime-Podcaster, die die Geschichte eines lang zurückliegenden Mordfalls in einem kleinen irischen Dorf erzählen wollen. Der Ton der Serie schwankt zwischen ernsthaftem Thriller und Satire. Eines scheint aber klar zu sein: True Crime ist ein peinliches und aufdringliches Genre. In einer Szene in der siebten Folge kommt es in einer Gefängniszelle zu einem klimaktischen Streitgespräch zwischen dem Podcaster Gilbert Power – ein weicher, feiger Mann, der vor allem pseudo-nachdenkliche Reflexionen in sein Aufnahmegerät spricht – und der hartgesottenen Journalistin Dove Maloney, die gezwungen wurde, bei dem Podcast mitzuhelfen. Mit äußerster Verachtung spricht sie ihm ab, ein Journalist zu sein. Stattdessen würde er die Menschen in seinen Erzählungen aussaugen, um noch mehr süßlichen Content zu erzeugen – Content, der nichts verändert, nichts beiträgt, nichts sagt. „Du bist kein Journalist, Gilbert“, faucht sie ihn an, „du bist ein Pornograf!“
„Bodkin“ stellt den vorläufigen Höhepunkt des Backlashs gegen den True-Crime-Boom der letzten zehn Jahre dar. Faktuale Geschichten über Verbrechen erzeugen inzwischen eine gewisse Müdigkeit, die mit einer tiefsitzenden ethischen Skepsis gegen die ausbeuterische Verarbeitung real erlebter Leiden zu narrativen Zwecken verbunden ist. Bereits 2021 schrieb Margarete Stokowski in einer vielbeachteten Kolumne für „Spiegel Online“, die Fälle in den meisten True-Crime-Erzählungen würden „oft schamlos reißerisch als schauriges Spektakel präsentiert“. Das gelte auch (und gerade) für die Formate, die sich den Anschein journalistischer Ernsthaftigkeit geben. Ein Podcast wie „Zeit Verbrechen“ wolle Qualitätsjournalismus sein, sei aber nur „Boulevard für Besserverdienende.“
Es handelt sich um eine hellsichtige Formulierung, die die kultursoziologische Spannung zum Ausdruck bringt, die dem Erfolg des Genres zugrunde liegt. Berichte über grausige Verbrechen waren schon immer ein wichtiger Bestandteil des Sensationsjournalismus. Was True Crime zu einer Leitgattung der Gegenwart gemacht hat, ist ein Prozess der Nobilitierung, der das Erzählen von Fallgeschichten zu einem ernsthaften journalistischen und literarischen Vorhaben aufgewertet hat. Diese Nobilitierung kann sich auf Klassiker des „New Journalism“ wie Truman Capotes „In Cold Blood“ berufen, dessen Entstehung durch gleich zwei hochkarätig besetzte Filme („Capote“ von 2005 und „Infamous“ von 2006) zurück ins kulturelle Gedächtnis gerufen wurden. Spätestens aber seit dem Welterfolg des Podcasts „Serial“ (2014), der den Erzählstil des True-Crime-Booms stark geprägt hat (ein nachdenklicher, lakonischer Ton, philosophische Reflexionen etc.) ist dieser Prozess abgeschlossen.
Die Gegenreaktion gegen diese Erfolgsgeschichte beruht darauf, dass die Formate ihre Herkunft aus den niedersten Niederungen der Mediengeschichte nicht verleugnen können. Das zeigt sich vor allem dort, wo der Anspruch, eine spannende, reißerische Geschichte zu erzählen, mit den ethischen und stilistischen Ansprüchen, die an ‚Qualitätsjournalismus‘ gestellt werden, kollidieren, wo die Rezeptionsbedürfnisse nach Unterhaltung einerseits und Information andererseits aufeinanderstoßen. Eine Serie wie „Bodkin“ oder eine Polemik wie die von Margarete Stokowski beruht auf dem Verdacht, es könnte sich um einen großangelegten Schwindel handeln, der dem Publikum unter dem Deckmantel des Journalismus Pornografie verkauft, Boulevard unter dem Deckmantel der Hochkultur.
Am Erfolg der Gattung ändert diese immer weiter anschwellende Kritik allerdings wenig. Das kann man etwa in den Bahnhofsbuchhandlungen Deutschlands erleben, wo an prominenter Stelle gleich mehrere Magazine ausliegen, die sich ausschließlich mit Fällen schrecklicher Verbrechen beschäftigen. Wo früher Aufsteller mit alten „Asterix“-Ausgaben oder „Lustigen Taschenbüchern“ standen, steht jetzt eine Sammlung von „Stern Crime“, ein Magazin für „Wahre Verbrechen“, das seit 2015 alle zwei Monate veröffentlicht wird. Die Ausgabe 54 aus dem April/Mai 2024 hat einen Umfang von knapp 140 Seiten und umfasst Reportagen, Interviews und Kolumnen. Auf dem Titel ist ein bedrohlich leuchtendes Karussell im Nebel zu sehen, das die Titelgeschichte über den Serienkiller Jürgen Bartsch illustriert: „Der Spielgefährte. Er sagte, er könne ihnen etwas Magisches zeigen.“ Drei suggestive Punkte, die das Grauen andeuten, das darauf folgt, muss man sich dazu denken. Die anderen Formate, die auf dem Cover angekündigt werden, sind von einer ähnlichen Dunkelheit, die durch eine augenzwinkernde Campyness allerdings auch wieder zurückgenommen wird: „Die Falle. Er sucht Frauen, Sie sucht Verbrecher“ oder „Ein Sammler. Er hat eine Mission. Und dafür braucht er Menschen.“
Etwas ernsthafter geht es dagegen bei „Zeit Verbrechen“ zu. Nummer 26 (April 2024) beschäftigt sich mit dem wichtigen Thema „Häusliche Gewalt“. Auf dem Titel sieht man ein aufgeschlitztes Kissen in einem Ehebett, aus dem die Federn dem Betrachter entgegenfliegen. Die Geschichten, die hier angekündigt werden, tragen Titel wie „Der Feind in meinem Bett. Wenn der Partner zur Gefahr wird“ oder „Hände aus Gold. Ein Masseur verschwindet spurlos.“ Dem interessierten Leser wird allerding auch eine Reihe von Promis im Polizeifoto versprochen („Von David Bowie bis Hugh Grant“), ein Text von einem Clown über seine Ängste („Wenn keiner lacht“) und „Dunkle Verse. Gedichte zum Fürchten“. „Zeit Verbrechen“ erscheint seit 2018 und verdankt seinen Erfolg unter anderem dem extrem bekannten Podcast gleichen Namens, der ursprünglich als Begleitformat zum Magazin erscheinen sollte – der das Prinzerzeugnis inzwischen aber deutlich überstrahlt.
Was direkt auffällt, ist, wie aufwändig diese Magazine produziert sind. Wer von einer Nostalgie nach der Heldenzeit des analogen Printjournalismus geplagt wird, der kann sie hier ausleben. Die Hefte liegen schwer in der Hand und sind mit stilvollen, teils geschmackvoll stilisierten Fotostrecken illustriert. Es handelt sich, so die implizite Botschaft der materiellen Gestaltung, nicht um Wegwerfjournalismus, sondern um Sammlerstücke. Für 7,99 kann man im Stern-Shop dazu auch gleich einen „strapazierfähigen Schuber“ kaufen, der jeweils sechs Hefte einer „Stern Crime“-Sammlung fasst. Die Magazine wollen sich vom Anspruch her ganz klar dem Aktualitätsdruck der Tagespresse entziehen. Den Texten wird damit eine überzeitliche Wertigkeit zugeschrieben, die sie auch Monate oder Jahre nach der Veröffentlichung lesenswert macht. Dieser Anspruch macht allerdings auch den prekären Status von True Crime sichtbar. Die Tatsache, dass man – wenn die aktuelle Ausgabe von „Stern Crime“ schon ausgelesen ist, problemlos ein altes Heft, das weiter unten im Aufsteller der Bahnhofsbuchhandlung liegt, durchschmökern kann, verweist auf den Unterhaltungscharakter der Gattung.
Ein weiteres Problem der Magazine ist, dass sie ein klassisch journalistisches Format wie die Reportage über aufsehenerregende Verbrechen oder Gerichtsprozesse aus dem medialen Schutzraum der Wochenzeitung herausziehen. In einer normalen Ausgabe der „Zeit“ oder des „Stern“ steht eine solche Reportage neben anderen Formaten und Inhalten. Gebündelt in einem eigenen Magazin, ohne das paratextuelle Umfeld von Politikjournalismus oder Feuilleton, wirken diese Texte seltsam nackt und lassen direkt den Verdacht aufkommen, hier ginge es nur um die narrative Ausschlachtung realer Leiden zu Unterhaltungszwecken. Die Magazine beweisen im Endeffekt die Existenz von Leser:innen, die sich nur für die spektakulären Fallerzählungen schrecklicher Verbrechen interessieren und die entsprechenden Texte aus den jeweiligen Medien herauspicken. Eine einzelne Reportage über ein Verbrechen in der „Zeit“ zu lesen, ist wenig problematisch; ein ganzes Heft voller Texte nur über oft deprimierende Schicksale zu konsumieren, erscheint zweifelhaft, wenn nicht gar frivol.
Magazine wie „Zeit Verbrechen“ oder „Stern Crime“ charakterisiert die grundsätzliche Spannung der Gattung True Crime. In diesem Fall ist das Hauptproblem, dass anerkannte journalistische Marken ihr Prestige einer fragwürdigen Erzählform leihen. Wo der Krimi so deutlich auf den Journalismus trifft, werden die kultursoziologischen Bruchlinien einer Form des faktualen Erzählens, die immer schon zwischen Unterhaltung und Information vermitteln muss, besonders sichtbar. Es handelt sich um eine für die moderne Kultur repräsentative Vermischung von Registern, die auf unterschiedliche Rezeptionsbedürfnisse reagiert. Diese Vermischung darf man allerdings nicht offiziell eingestehen. Gerade dort, wo ein narrativer Hedonismus bedient wird, der auch durch einen fiktionalen Kriminalroman, Fernsehthriller oder Horrorfilm befriedigt werden könnte, muss die hochkulturelle Nobilitierung besonders viel Arbeit leisten.
Diese Arbeit ist das wichtigste Strukturmerkmal der True Crime Magazine. Der Versuch, Schaulust und Bildung, Spannungsgier und ethische Reflexion zu vermitteln, erzeugt eine nervöse Reibungsenergie, die diese Medien zu reichen Texten für die kulturwissenschaftliche Analyse machen. Der Druck, verschiedene, widerstreitende Ansprüche zu vermitteln, zeigt sich direkt in der Zusammenstellung und Reihenfolge der Formate in den Magazinen. Das Herzstück sind die Reportagen, die die grausamen, traurigen, bedenkenswerten Fälle erzählen. Dazwischen finden sich allerdings auch reflexive und heitere Formate.
Ausgabe 54 von „Zeit Verbrechen“ beginnt etwa mit einer Kolumne des professionellen Clowns Francis Brunaud, der über seine Ängste nachdenkt und sich darüber ärgert, dass eine verantwortungslose Kultur den Clown zu einer Horrorfigur gemacht habe. Darauf folgt eine erste Reportage, die sich mit der schrecklichen Gewalt beschäftigt, die „hinter der bürgerlichen Fassade lauert“. Erzählt wird von einem 89-jährigen Rentner, der seine Frau, die er jahrzehntelang tyrannisiert hatte, brutal ermordete. Darauf folgen zwei Seiten mit Schaubildern, die eine Recherche über die Faktenlage häuslicher Gewalt liefern sollen. Dort kann man dann lernen, dass 71 Prozent der Opfer häuslicher Gewalt weiblich sind oder wie viele der Taten von Partnerschaftsgewalt unter Alkoholeinfluss stattfinden (23 Prozent).
Darauf folgt direkt die nächste Reportage, die unter dem Titel „Sein Grinsen“ vom versuchten Mord eines zwanghaft eifersüchtigen Ehemanns erzählt, der die Trennung von seiner Frau nicht ertragen konnte. Danach kommt ein Interview mit der Anwältin und Aktivistin Asha Hedayati, die sich vor allem für Opfer häuslicher Gewalt einsetzt. Auf dieses Interview folgt ein neuer Teil der Reihe „Kleine Verbrechen“, in der die Autorin Ursula März in humorvollen Skizzen aus dem Alltag eines Amtsgerichts erzählt. Hier geht es um nuschelnde Angeklagte, langweilige Verfahren und einen besonders protzerischen Fall von Titelschwindel. Daran schließt sich die Reportage über den Fall eines Masseurs an, der möglicherweise von seiner Freundin und deren Liebhaber ermordet wurde, und daran ein Artikel über Menschen, die ohne Pflichtverteidiger vor Gericht erscheinen müssen.
So wechseln sich Formate, die den narrativen Hedonismus der Leser:innen befriedigen, mit reflexiven Formaten ab, die die ethischen Probleme, die damit verbunden sind, abfedern sollen. Die Botschaft ist klar: Hier geht es nicht nur darum, sich an grausigen Geschichten zu ergötzen, sondern auch darum, sich über die statistischen Hintergründe zu informieren, nicht nur darum, spannende Fälle zu konsumieren, sondern auch darum, die systemischen Hintergründe dieser Taten kennenzulernen. Dabei wird die Kritik an True Crime teilweise explizit thematisiert. So wird im Interview mit Asha Hedayati gleich in der ersten Frage offengelegt, dass sie auf die Anfrage des Magazins geantwortet habe: „Ich hasse ZEIT Verbrechen.“ Danach spricht Hedayati dann darüber, wie die „Sensationsgeilheit“ vieler True-Crime-Formate die öffentliche Aufmerksamkeit auf Einzelschicksale verschiebt und dadurch die Alltäglichkeit von Gewalt verschleiert. Die spannungsreiche Geschichte verstelle den Blick auf die Strukturen, an denen nichts geändert wird, wenn die Fälle allein dazu dienen, eine gewisse Schaulust zu befriedigen. In eine ähnliche Kerbe schlägt ein Essay zu Beginn von Heft 54 von „Stern Crime“ in dem es um die Frage geht, warum Menschen Verbrecher manchmal heroisieren und woher die Faszination für das Böse kommt.
Diese Reflexionsformate sollen ein Problembewusstsein zum Ausdruck bringen, das man den Einzelfallgeschichten – sicherlich die größte Attraktion der Magazine – allerdings kaum anmerkt. Diese Reportagen werden größtenteils ohne gesellschaftliche oder politische Analyse durcherzählt, im Stil des narrativen Journalismus, der sich in deutschen Medien etabliert hat: ein lakonischer Ton, kurze Sätze, erzählerisches Präsenz. Einen Eindruck von diesem Stil vermitteln die Anfangspassagen der Reportagen aus Heft 26 von „Zeit Verbrechen“:
„Er ist schon immer ein gewissenhafter Mensch gewesen. Als Schüler in seiner Heimatstadt im Bergischen Land, als Lehramtsstudent an der Uni Mainz, als Oberstudienrat für Latein, Griechisch und Chemie. Ordnung ist wichtig für ihn. Auch an jenem Tag im Sommer 2018: Als seine Frau leblos auf dem Boden ihres gemeinsamen Reihenhauses liegt, geht er zum Telefon und ruft die Polizei. Dem Beamten am anderen Ende der Leitung teilt er mit gefasster Stimme mit, dass er soeben seine Frau umgebracht habe.“
„Er wäscht sich gerade im Badezimmer, als es an der Tür klopft. Seine Mutter steht im Hausflur. Sie weiß, dass er heute seine Ex-Frau Aneta treffen wollte, sie hat ein schlechtes Gefühl. Robert öffnet und sagt: Aneta ist tot. Er lacht. Dann drängt er sich an ihr vorbei und flieht durch das Treppenhaus hinaus zu seinem Auto. Im Badezimmer hatte er sich das Blut abgewaschen. Im Auto nimmt er sein Handy und wählt die 112.“
„Am Nachmittag des 12. Oktober 2012 schließt Karl-Friedrich Meyer ein letztes Mal seine Praxis ab. Danach wird er nicht mehr gesehen. Nur zwei Menschen wissen wahrscheinlich, was an diesem Tag mit ihm geschehen ist. Doch beide schweigen.“
Was sich in diesen Zitaten zeigt, ist eine starke Fokussierung auf konkrete Protagonisten und eine Narration, die fast atemlos vorangetrieben wird, gleichzeitig aber auch von einer Informationspolitik geprägt ist, die vor allem Spannung aufbauen soll. Man möchte wissen, was passiert ist, wie es weitergeht. Dieser Stil ist funktional, oft bis zum Kitsch. In einem Text über einen grässlichen Autounfall heißt es über die zerstörten Urlaubspläne einer Familie: „Venedig sehen. Und leben. Das war der gemeinsame Plan. Doch am 4. Mai 2017 kam der Tod dazwischen.“ Die voranstolpernde Parataxe wird hier in den Dienst eines schnellen emotionalen Effektes gestellt.
Die Beispiele zeigen, dass sich die grundsätzlichen Schwierigkeiten der Erzählform, auf die Hedayati in ihrem Interview verweist, auch durch die geschicktesten Nobilitierungsstrategien nicht lösen lassen: Der narrative Hedonismus, der den populären Erfolg von True Crime begründet, kann nur durch die immense Erzählbarkeit der faszinierenden Einzelfälle befriedigt werden. Strukturen sind narrativ wenig glanzvoll, nur das konkrete Schicksal ist spannend. So kommt es in den Magazinen zu einer recht strikten Trennung von Erzählung und Analyse. Um den Fluss der Geschichte nicht zu stören, werden die analytischen Formate, die das Erzählen ja überhaupt erst rechtfertigen sollen, in die Begleitformate ausgelagert: erst der Salat eines Essays oder Interviews, dann die fettige Hauptspeise der spannenden Erzählung, dann – auch zur emotionalen Entlastung von den oft extrem deprimierenden Fällen – die Nachspeise einer heiteren Kolumne oder Fotostrecke (Promi-Mugshots z.B.).
Die Mischung aus verschiedenen Formaten, die sich gegenseitig aufwerten und rechtfertigen sollen, erinnert an Umberto Ecos Beschwerde über die literarischen Erzählungen im „Playboy“. In „Die Struktur des schlechten Geschmacks“ beschreibt Eco diese Erzählungen als Alibi der Pornografie, die sich durch die Nähe zur Hochkultur aufwerten möchte, für ihn der Innbegriff des Midcult. Tatsächlich handelt es sich bei True Crime um ein Phänomen der Kulturvermischung, wie sie Moritz Baßler in seinem Essay „Der neue Midcult“ („Pop. Kultur und Kritik“ 18, 2021) kritisiert hat. Man könnte sagen, dass die schweren Zeichen politisch relevanter Gewaltverbrechen im Fall dieser Magazine in den Dienst der kulturellen Nobilitierung des Sensationsjournalismus gestellt werden. True Crime ist damit ein weiteres Beispiel für die Verwirrung medialer Hierarchien, die das kulturelle Konfliktfeld der Gegenwart charakterisiert.
Diese Verwirrung wird in Ausgabe 26 von „Zeit Verbrechen“ an einer Stelle bis zur Selbstparodie gesteigert, nämlich dort, wo unvermittelt eine Reihe von Gedichten erscheinen. Unter der Überschrift „Dunkle Verse“ heißt es: „Das Grauen lauert überall, auch in den schönsten Zeilen. Manchmal ist es ein nur finsteres Wort, manchmal die rohe Gewalt. Wir haben Gedichte über den Tod gesammelt.“ Was folgt sind eklektisch zusammengewürfelte Texte von Bettina von Arnims („Seelied“), Georg Trakl („De Profundis“), Wilhelm Busch („Es sitzt ein Vogel auf dem Leim“) oder Erich Kästner („Ballade vom Nachahmungstrieb“). Die Bebilderung dazu sind stark stilisierte Fotos von einem stillen See, einer bedrohlich blickenden Katze, einer Hand neben einer einzelnen Kerze, einem sehr schwarzen Raben. Während der Wechsel erzählender und reflektierender Formate in den True-Crime-Magazinen ansonsten mit großer Professionalität betrieben wird, bricht an dieser Stelle die Nobilitierungsstrategie zusammen und entbirgt den Kitsch, der der Gattung zugrunde liegt.
[erschienen in POP. Kultur und Kritik vom 22. Oktober 2024]
Die guten Dinge
Unglaubliche Dinge passieren auf X. Dort wurde offen gelegt, dass zahlreiche der erfolgreichsten Pro-Trump- und America-First-Accounts in Ländern wie Bangladesch oder Mazedonien ansässig sind. Es handelt sich also um Engagement-Farmen, die mit der leichten Entflammbarkeit rechtsradikaler Emotionen Geld verdienen. Ryan Broderick ordnet das auf “Garbage Day ein”, und findet deutliche Worte: “It’s proof that the American right has spent better part of the last decade letting algorithmic spam tell them what they want to hear, astroturfing themselves into believing that some silent majority out there believes in their worthless MAGA crusade. When all they were doing was chasing the approval of faceless accounts who realized their political movement was so hollow, so braindead simple, so spiritually worthless that they could easily earn a few Musk bucks by posting AI-generated photos of blonde women in American flag bikinis promising a Thousand Year Burger Reich.”
Außerdem: Eine angenehm ungnädige Rezension des neuen Wicked-Films und eine - man muss sagen brillante - Analyse dessen, was die Epstein-Mails über das Leben und den Habitus der Eliten erzählen.
In eigener Sache
In seinem Text über die Lesekrisen der Gegenwart zitiert Nils Markwardt die letzte Ausgabe von “Kultur & Kontroverse” mit dem Hinweis auf den Konflikt zwischen Joyce Carol Oates und Elon Musk.





Sehr gute Beobachtungen, sehr guter Text! Bei einer Sache bin ich mir allerdings unsicher, ob sie so stimmig ist. Im Text steht: "Die Tatsache, dass man – wenn die aktuelle Ausgabe von „Stern Crime“ schon ausgelesen ist, problemlos ein altes Heft, das weiter unten im Aufsteller der Bahnhofsbuchhandlung liegt, durchschmökern kann, verweist auf den Unterhaltungscharakter der Gattung." Meine Frage: Ist ernster Journalismus zwangsläufig an Aktualität gebunden? Oder andersherum: Ist mangelnde Aktualität ein Kriterium von Unterhaltung? Ich würde sagen: Nein – und denke an Zeitschriften wie ZEIT Wissen oder GEO oder essayistische Magazine wie den MERKUR. Würde mich interessieren, wie andere das sehen. Jedenfalls: Vielen Dank für die immer sehr guten Artikel!