Digitale Störung der Totenruhe
Über De-Ageing und die Infantilität der Gegenwartskultur.
Toxische Nostalgie
Man möchte ungern wie ein konservativer Technikfeind klingen, aber es gibt künstlerische Innovationen, die – bis auf wenige Ausnahmen – nur Dreck produzieren. Dazu gehört die Unart, die Alten nicht alt sein zu lassen und die Toten nicht tot. Über digitales De-Ageing hat Patrick H. Willems gerade ein Videoessay veröffentlicht, das das Ausmaß der ästhetischen Katastrophe zeigt, die mit dieser Innovation verbunden ist. Wächserne Gesichter, die aussehen, als wären sie mit zwanzig Jahre altem Photoshop erstellt worden; junge Münder, aus denen die Stimme achtzigjähriger Männer spricht. In einer inzwischen berühmten Szene aus Martin Scorseses The Irishman stolpert der Körper von Robert De Niro (Jahrgang 1943) mit einem nicht gerade kunstvoll verjüngten Kopf aus einem Laden, um einen anderen Mann zu verprügeln. Das Ganze wirkt komisch, obwohl es nicht komisch gemeint ist – als würde der reale De Niro eine schlecht sitzende De-Niro-Maske aus Gummi tragen.
Diese Technik dient, wie Willems zeigt, der toxischen Nostalgie, die die populäre Gegenwartskultur seit einiger Zeit beherrscht. Die retromanische Flut an Remakes und Reboots, die nicht enden wollenden Franchises, das manische und klaustrophobische Worldbuilding – all das sind Phänomene, die sich gegen das Altern und Vergehen ästhetischer Formen störrisch verweigern . Eine Technik, die Harrison Ford verjüngen kann, verspricht irgendwie auch eine Verjüngung des Publikums, das für immer im Status der ersten Hingerissenheit verweilen kann, die der erste Kontakt mit Indy damals erzeugte. Leider sieht diese Technik trotz der horrenden Kosten nach wie vor ausgesprochen albern aus, was auch daran liegt, dass die Zuschauer:innen immer die Originalgesichter als Vergleichsfolie vor sich haben.
Nun kann man davon ausgehen, dass die Betroffenen in diesen Fällen, ihrer Verjüngung zugestimmt haben (und dafür hoffentlich auch gut bezahlt wurden; um Harrison Ford aus einem anderen Kontext zu zitieren: „That’s what the money is for.“). Schwerwiegende ethische Probleme entstehen allerdings in Fällen, in denen Verstorbene technisch wieder zum Leben erweckt werden. Willems nennt den Film Ghostbuster - Afterlife, in dem der 2014 verstorbene Harold Ramis aus den Originalfilmen erneut als Egon auftreten muss. Ähnlich wurde auch mit Peter Cushing, der in der in Star Wars von 1977 Grand Moff Tarkin spielte, verfahren, oder mit Carrie Fisher, die als wachsfigurenartige Prinzessin Leia auch nach ihrem Tod in den Filmen zur Verfügung stehen musste.
Man muss es an dieser Stelle einmal sagen: It looks like shit. Die Immersion, die durch die technischen Zaubertricks besonders hoch sein soll, wird durch die deutliche Inkompetenz dieser Technik viel stärker gestört, als wenn man einfach eine andere Schauspieler:in engagiert hätte. Im Fall Cushings erscheint die kostspielige Rekonstruktion besonders lächerlich, da sein Gesicht auf das Gesicht des professionellen Schauspielers Guy Henry transplantiert wurde, der Tarkin ziemlich ähnlich sieht und ihn auch einfach hätte spielen können. Der Kult ästhetischer Nostalgie verbietet aber inzwischen offenbar selbst diese bewährte erzählerische Tradition. Die Figur soll nicht nur für immer weitererzählt werden, sie soll auch für immer gleich bleiben. Dass Filme dadurch wie Computerspiele aussehen, bei denen man die fast gelungene Lippensynchronizität lobt, ist ein Preis, den die Macher offenbar bereit sind zu zahlen.
Was bedeutet es aber, dass die Schauspieler:innen in diesen Fällen nicht in der Lage sind, ihr Einverständnis zu geben? Die neuen digitalen Möglichkeiten werfen auch neue Fragen nach dem ästhetischen Eigentumsrecht auf. Wird hier nicht auf fast monströse Weise die Totenruhe gestört? Werden Verstorbene hier nicht wie Puppen behandelt, die man nach Belieben tanzen lassen kann? Die ethischen Fragen, die mit der digitalen Auferstehung toter Menschen verbunden sind, betreffen nicht nur die Filmindustrie. Vor wenigen Wochen sorgte der Fall eines Jugendlichen für Entsetzen, der bei einem school shooting ermordet wurde und nun als K.I.-Version Interviews geben muss. Ambivalenter verhält es sich mit Programmen, die K.I. zur Trauerarbeit verwenden, auch wenn diese Programme ähnliche Probleme persönlicher Agency aufwerfen. Hier geht es nicht mehr allein um die Frage, wem eine Geschichte gehört, sondern auch das Gesicht, die Stimme, der Körper – und, wenn man soweit gehen will: die Seele.
Aber bleiben wir vorerst bei Filmen. Das Problem ist – wie so oft – nicht die Technik selbst, sondern die ästhetischen Bedürfnisse, die durch diese Technik befriedigt werden sollen. Ähnlich albern wie De-Ageing und die technische Rekonstruktion toter Schauspieler:innen ist der Trend, jüngere Versionen einer Figur, von den Kindern der ursprünglichen Schauspieler:innen verkörpern zu lassen. In The Many Saints of Newark, das Prequel zur Kult-Serie The Sopranos, spielt Michael Gandolfini die Figur Tony Soprano, die seinen Vater James Gandolfini berühmt gemacht hat. Im Biopic Straight Outta Compton spielt O‘Shea Jackson Jr. die junge Version seines Vaters Ice Cube. Über die ödipalen Verstrickungen dieser Besetzungspolitik möchte man gar nicht nachdenken. Diese Fälle zeigen vor allem noch einmal die Unwilligkeit der Kultur, neue Dinge zuzulassen. Die Söhne sind dazu verdammt, ihre Eltern spielen zu müssen, statt neue Figuren hervorzubringen; gleichzeitig erscheinen diese Rollen auch als Privilegien einer aristokratischen Kultur, in der künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten nur noch im Sinne einer von “Nepo Babys” beherrschten Erbmonarchie möglich sind.
Toxische Nostalgie ist die Sucht, in einem erzählerischen Universum für immer zu verweilen, in der Unendlichen Geschichte, die Michael Endes Roman von 1979 seinen Titel gibt. (Und natürlich soll der Roman auch wieder neu verfilmt werden.) Es handelt sich um ein Bedürfnis, das jeder, der Romane, Filme, Serien konsumiert, nachvollziehen kann. Wenn man einmal eine fiktionale Welt gefunden hat, in der man sich gerne aufhält, möchte man sie nicht verlassen. Dieses Bedürfnis ist allerdings in der Gegenwart in einen Zustand kompletter Stasis geronnen, der es den fiktiven Figuren unmöglich macht zu altern und zu sterben – und so Platz zu machen für neue Figuren.
Die guten Dinge
Kaum ein Werk ist in diesem Jahr so sehr gefeiert worden, wie der Roman Lázár von Nelio Biedermann (“Der neue Zauberer”, “die erstaunlichste Entdeckung der Saison”). Auf 54books reibt sich Eva-Sophie Lohmeier über diese Urteile verwundert die Augen und unterzieht den Roman einer textnahen und kritischen Analyse. Im Sommer 2026 jährt sich der hundertste Todestag des Architekten Antoni Gaudí, dessen Sagrada Familia zu den berühmtesten Bauwerken Spaniens gehört. Über die lange und konfliktreiche Geschichte dieser Kirche hat D.T. Max im New Yorker einen lesenswerten Longread geschrieben. Im Magazine Wired kann man eine faszinierende Story über einen Mann lesen, der vor einigen Jahren 22 5G-Masen abgebrannt hat.
In eigener Sache
Vor kurzem habe ich hier anlässlich einiger Nachrichten über Kürzungen und Kündigungen im Kulturbetrieb die bange Frage gestellt: “Verschwindet die Rezension?” Dazu habe ich nun in der Sendung “Kultur-Update” im BR ein Interview gegeben, das man hier nachhören kann.




Eine sachliche Korrektur: Die hier genannte Leia Szene aus Rogue One wurde noch zu Lebzeiten Fishers veröffentlicht/gedreht, es war der dritte Teil der Sequeltrilogie in der die zu diesem Zeitpunkt verstorbene Carrie Fisher verjüngt gezeigt wurde.