Alles ist True Crime
Über das kollektive Erzählen der digitalen Gegenwart

Forensischen Furor
Das Jahr 2021 war für die meisten Menschen nicht leicht, aber für den Studenten Robert McCoy, besser bekannt unter dem Spitznamen »Couch Guy«, muss es besonders schwer gewesen sein. Am 21. September 2021 überraschte seine Freundin ihn an der University of Virginia mit einem Besuch. Das hätte ein normaler privater Moment sein können, aber wir leben in einer Zeit, in der jeder private Moment das Potential hat, digital vergesellschaftet, also zu einem Ereignis zu werden, an dem zahlreiche Menschen teilhaben, die ohne soziale Medien damit nicht das Geringste zu tun hätten.
McCoys Freundin hatte einen kurzen Surprise-Clip auf der Plattform TikTok hochgeladen und mit einem gefühlvollen Song unterlegt (Still Falling For You von Ellie Goulding). Was zunächst als liebenswerter Eintrag in ein digitales Tagebuch gedacht war, wurde bald zum Gegenstand eines kollektiven forensischen Furors. Im Video – das inzwischen Millionen und Abermillionen Menschen angeschaut haben – sieht man, wie die Freundin mit einem Rollkoffer ein Apartment betritt. Dort sitzt McCoy gerade auf einer Couch neben drei Frauen, zeigt allerdings zunächst einmal keine nennenswerte Regung, bis er endlich langsam aufsteht und seinen Besuch in den Arm nimmt.
In der TikTok-Community kam diese verzögerte Reaktion ausgesprochen schlecht an. Einige User meinten, das Ausbleiben sichtbarer Anzeichen spontaner Begeisterung auf Seiten McCoys als offensichtliches Indiz für dessen Untreue werten zu müssen. In der Folge entbrannten fieberhafte Debatten darüber, ob der Clip nicht womöglich Anhaltspunkte für noch gravierendere Verfehlungen enthalte, wobei jedes körpersprachliche Detail eingehend daraufhin untersucht wurde, ob es nicht etwa als potentieller Indikator für toxische Charakterzüge und gewalttätige Tendenzen infrage komme. Für eine Analyse der Gegenwartskultur stellt der Fall McCoy eine faszinierende Quelle dar. Er wirft Fragen nach den Mechanismen der digitalen Öffentlichkeit auf, die eine Form von kollektiver Kreativität freigesetzt haben – einer Kreativität allerdings, die zu moralisch fragwürdigen Kontrollverlusten führen kann.
Narrativer Fressrausch
Inzwischen hat der »Couch Guy« sich seinerseits öffentlich zu Wort gemeldet und in einem Artikel in Slate geschildert, wie es sich anfühlt Anlass und Gegenstand von digitalem Storytelling zu werden. Wenig überraschend handelt es sich nicht gerade um eine angenehme Erfahrung. Fremde Menschen hätten ihm alle möglichen Dinge unterstellt, hätten sich in sein Leben und sein persönliches Umfeld gedrängt und versucht, ihn zu doxxen, also seinen Namen und seine Adresse herauszufinden und im Internet zu veröffentlichen. Er sei zum Opfer eines Kults übergriffiger Amateurdetektive geworden, die offenbar zugleich jede Menge Spaß dabei gehabt hätten, sich öffentlich über ihn das Maul zu zerreißen.
McCoy zieht Parallelen zum Fall Gabby Petito, einer jungen Influencerin, deren Verschwinden zum Gegenstand digitaler Neugierde wurde. Petito war im Sommer 2021 mit ihrem Freund zu einer Busreise aufgebrochen, von der sie nicht mehr zurückgekommen war. Schließlich wurde im September ihre Leiche entdeckt. Der Verdacht fiel schnell auf ihren Freund, der bald darauf ebenfalls verschwand und später tot aufgefunden wurde. Die Auswertung seines Tagebuchs ergab, dass er Petito tatsächlich ermordet und deshalb wohl Selbstmord begangen hatte.
Was sich im Verlauf dieser Geschichte in den sozialen Medien abspielte, kann man als narrativen Fressrausch bezeichnen. Unzählige Menschen beteiligten sich an der digitalen Suche nach Petito, tauschten Mutmaßungen aus, fachsimpelten über alle Details des Falls und stellten teilweise wilde Theorien auf. Dabei bildeten sich schnell Lager, die sich – wie das für diese Ereignisse üblich ist – bald untereinander heftig zerstritten. Die Kulturwissenschaftlerin Berit Glanz bezeichnete den Fall als »True Crime in Echtzeit«, was sich von der klassischen Kommunikationssituation des Genres allerdings insofern unterscheide, als hier das Element der Interaktivität im Mittelpunkt steht: »Im Unterschied zu der eher passiven Rezeption in den True Crime Wellen der Vergangenheit kommt in Zeiten der Sozialen Medien nun also auch ein aktives Element hinzu: Das interessierte Publikum betätigt sich selbst als Ermittler. Das Verbrechen wird nicht nur voyeuristisch konsumiert, sondern man versucht aktiv an der Aufklärung teilzuhaben, wodurch ein riesiger Datenberg produziert wird, der oft nicht zielführend ist.«
Ähnlich wie im Fall Petito verschwamm auch in der Geschichte des »Couch Guy« die kollektive Neugier über einen realen Fall mit einem erzählerischen Begehren, das durch populäre Fiktionen der Gegenwart vorgeprägt ist. Die Netzgemeinde machte aus McCoy den Schurken im Stil von Gone Girl oder Girl on the Train. In diesen Thrillern lauert hinter jeder Fassade bürgerlicher Stabilität das Potential für psychologische und physische Gewalt. Der liebevolle Ehemann oder die loyale Partnerin sind in Wirklichkeit pathologische Kontrollfreaks – verschwiegen, rachsüchtig und gefährlich. In einer solchen Erzählung wäre ein zögerliches Aufstehen, wenn die Freundin einen überrascht, oder die Stellung der Knie beim Sitzen tatsächlich ein Anzeichen dafür, dass etwas gewaltig nicht stimmt.
Gaslighting
Dieses beliebte Erzählmuster trifft auf einen weitverbreiteten pop-psychologischen Diskurs, in dem Ferndiagnosen in digitalen Auseinandersetzungen wie eine Waffe geschwungen werden können. Ein populärer Vorwurf, den sich Menschen im Internet an den Kopf werfen, ist der des »Gaslighting«. Gemeint ist eine Form der geschickten Manipulation, die das Realitäts- und Selbstwertgefühl einer anderen Person so lange beschädigt, bis diese an ihrer eigenen Wahrnehmung zu zweifeln beginnt.
Wie bei den meisten pop-psychologischen Diskursen handelt es sich auch in diesem Fall um Versatzstücke einer etablierten psychologischen Theorie, die in der Tradition einer Analyse von Gewalt (insbesondere patriarchaler Gewalt) steht. Im Prozess der öffentlichen Aneignung wurde aus dieser Theorie ein Steinbruch für populäre narrative Muster. Der Täter in Girl on the Train etwa verkörpert einen typischen Gaslighter, der seine alkoholkranke Ex-Frau immer mehr in die Rolle der Täterin drängt.
Die Beliebtheit des Gaslighting-Diskurses in öffentlichen Auseinandersetzungen lässt sich dadurch erklären, dass der Vorwurf eine schmeichelhafte Selbsterzählung enthält. Nur eine psychologisch und sozial gewiefte Person ist in der Lage, die perfiden Techniken der Manipulation zu entlarven. Die User, die im »Couch Guy« auf der Grundlage einer extrem schmalen Empirie einen verborgenen Gewalttäter erkennen wollten, inszenierten sich als profunde Kenner der menschlichen Psyche. Es ist deshalb kaum verwunderlich, dass auch McCoy, als er sich in seinem Video gegen die Vorwürfe zur Wehr setzen wollte, Gaslighting vorgeworfen wurde. Und als seine Freundin schließlich mit einem eigenen Video zu seinen Gunsten intervenierte, wurde dieser Versuch zur Verteidigung ihres Freundes kurzerhand dessen Manipulationskünsten zugeschrieben.
Solche Begebenheiten entwickeln ihre eigentümliche virale Dynamik durch die Anschlussmöglichkeiten an verschiedene populäre Diskurse. Dazu gehört in diesem Fall auch ein erstaunlich konservativer Liebesdiskurs, der eine regelrechte Obsession mit dem Thema Betrug (»cheating«) zum Ausdruck bringt. Die forensische Energie wurde ja vor allem dadurch freigesetzt, dass McCoy mit mehreren Frauen auf einem Sofa saß und angeblich auf eine verdächtige Art sein Handy habe verschwinden lassen.
Ein anderer Fall, in dem ebenfalls detektivisches Begehren und die Empörung über die toxischen Aspekte der Dating-Kultur zu einem Ereignis kollektiver Kommunikation wurden, ereignete sich Anfang 2022. Dabei traf es einen Mann namens Caleb, der bei dem Einrichtungsunternehmen West Elm arbeitete und bald als »West Elm Caleb« den Status eines Memes erhielt. Verschiedene Influencerinnen aus New York City hatten festgestellt, dass »West Elm Caleb«, den sie auf Dating-Apps kennengelernt hatten, sie gleichzeitig gedatet hatte, um anschließend schnell spur- und grußlos aus der Kommunikation zu verschwinden. Dieses »Ghosting« und die Tatsache, dass der Mann immer die gleichen Lügen und Strategien angewendet hatte, wurden als schwerer Verstoß gegen die Regeln der romantischen Kommunikation gewertet, als übergriffig und manipulativ.
Die Warnung vor dem Serien-Dater wurde schnell zu einem viralen Ereignis, das dann dazu führte, dass Personen gedoxxt und bedroht wurden. Der aufmerksamkeitsökonomische Erfolg der Suche nach »West Elm Caleb« führte schließlich dazu, dass Menschen auf TikTok jeweils den »West Elm Caleb« ihres Umfelds aufzuspüren versuchten. Gleichzeitig wurden Stimmen laut, die von Hexenjagd und »Cyberbullying« sprachen.
Main Character
Ereignisse wie diese werden schnell zum Gegenstand kulturkritischer Klagen, in denen das Internet als dunkler Ort erscheint, an dem Menschen arbiträr an den Pranger gestellt werden und unkontrollierten Shitstorms ausgesetzt sind. Diese Haltung ist, wie die Fälle zeigen, oft alles andere als unberechtigt, allerdings drohen Klagen dieser Art zuweilen auch zu verhindern, dass solche Ereignisse als repräsentative Momente der Gegenwartskultur ernst genommen werden.
Die geschilderten Episoden sind allesamt Beispiele für ein Phänomen, das sich in den sozialen Medien seit einigen Jahren unter dem Begriff »main character« geführt wird. Ein Beispiel: Im Januar 2021 etwa postete der Musiker John Roderick, der schnell als »Bean Dad« bekannt werden sollte, einen Thread auf Twitter, in dem er erzählte, wie er seine neunjährige Tochter sechs Stunden lang mit einer Dose Bohnen und einem Öffner alleingelassen habe, damit sie lernt, wie man eine Dose öffnet. Es sollte sich allem Anschein nach um eine amüsante Geschichte darüber handeln, was Kinder heute nicht mehr wissen und wie man es ihnen beibringt. Die Geschichte des »Bean Dad« wurde dann aber tausendfach als Beispiel für einen verachtenswerten Erziehungsstil geteilt.
Ein solches Ereignis kann sich über Tage und Wochen hinziehen und erzeugt eine Lawine an Meinungen und Urteilen, die sich alle auf den »main character« beziehen. Für die Betroffenen sind diese Ereignisse ausgesprochen unschön, oft traumatisch. Sie werden assoziiert mit Begriffen wie »shitstorm«, »pile on« oder »dunking«. Es sind diese Mechanismen, die im Mittelpunkt einer Diskussion über die digitale Kultur des »public shaming« stehen, wie sie Jon Ronson bereits 2015 analysiert hat. Ronson schilderte damals unter anderem den inzwischen berühmten Fall der PR-Agentin Justine Sacco, die aufgrund eines rassistischen Witzes auf Twitter zu einer der meistgehassten Personen des Internets wurde und überdies ihren Job verlor.
Es ist naheliegend, dass mit »main character« ein quasi narratologischer Begriff in den Diskurs um die digitale Kommunikation eingeführt wurde. In gewisser Hinsicht lässt sich die kollektive Erzählung um den »Couch Guy« aber auch als Ausdruck dessen analysieren, was Aarthi Vadde als »amateur creativity« analysiert hat. Die publizistische Infrastruktur des Internets hat eine riesige Welle an kreativer Energie freigesetzt, die von den in vordigitalen Zeiten etablierten Publikationsinstanzen nicht mehr kontrolliert und eingehegt werden kann. Dadurch verschwimmen zunehmend die Grenzen zwischen professionellem und nichtprofessionellem Schreiben, zugleich bilden sich neue, kollektive Formen des Erzählens aus, etwa Fan-Fiction, bei der populäre Erzähluniversen wie die Harry-Potter-Reihe oder Herr der Ringe fortgeschrieben werden.
Im Kontext dieser publizistischen Infrastruktur ist eine Kultur des kollektiven Erzählens entstanden, die folkloristische Züge trägt. Dieses kollektive Erzählen lässt sich im Diskurs der Meme-Kultur verorten. Es handelt sich um »die vielleicht vitalste und demokratischste Form der Kultur, die wir derzeit erleben« – eine digitale Volkskultur, deren Ambivalenz einen Teil ihrer Vitalität ausmacht: »Sie zeigt die Chancen des digitalen Wandels, aber auch Abgründe, die sich öffnen, wenn Regeln und Konventionen im Entstehen sind.«
Kontrollverlust
Wo sich der erzählerische Furor an existierenden Menschen vergreift, entstehen allerdings gravierende ethische Probleme. Diese Probleme sind natürlich nicht erst mit der entfesselten Digitalisierung aufgetreten. Sie haben eine lange kulturgeschichtliche Tradition in den narrativen Enteignungen des Schlüsselromans, in Phänomenen wie der unautorisierten Biografie oder im journalistischen Boulevard. Auch bei diesen meist unfreiwilligen Fremderzählungen handelt es sich für die Betroffenen um schmerzhafte, zuweilen ruinöse Eingriffe in ihr narratives Eigentumsrecht. Man verliert die Kontrolle über die eigene Geschichte, die von einer gierigen Öffentlichkeit als spannende Erzählung konsumiert wird – mit dem Ziel, unterhalten zu werden oder sich moralisch zu erheben.
Im entgrenzten Kommunikationsraum des Internets und unter den Bedingungen des kollektiven Erzählens in den sozialen Medien gewinnt diese narrative Enteignung allerdings in beispielloser Weise an Intensität und zugleich an Reichweite. Bedeutet das auch einen Zuwachs an Grausamkeit? Wie lässt sich erklären, dass Millionen von Menschen sich mit großer Lust an einer gemeinsamen Erzählung beteiligen, deren zerstörerische Folgen ihnen eigentlich klar sein müssten? Die Antwort auf diese Frage hat möglicherweise mit der eigentümlichen Entrealisierung zu tun, die ein Mensch erfährt, der zum Meme gemacht wird. Der memetische Überbietungsgestus beruht darauf, an ein erzählerisches Muster anzuschließen und dieses Muster kreativ zu erweitern. Das passiert teilweise anhand von Bildern realer Menschen, die allerdings im Prozess des kollektiven Erzählens immer mehr an Realität verlieren.
Auch im Fall des »Couch Guy« war ein Großteil des Diskurses parodistisch, eigentlich Meta-Diskurs, der das Ereignis als Spielmaterial nutzte, um sich an der digitalen Kommunikation zu beteiligen. Man findet unzählige Beispiele, in denen Menschen auf TikTok das ursprüngliche Video des Überraschungsbesuchs humoristisch nachstellen. In manchen dieser Szenarien findet die glücklose Freundin ihren Partner etwa in einer Situation des offensichtlichen Betrugs vor und ist trotzdem hocherfreut, ihn zu sehen. Die Ironie, die solche Fälle des kollektiven Erzählens durchwirkt, ist dermaßen allumfassend, dass man aus der Außenperspektive oft nicht mehr erkennen kann, wo die Ernsthaftigkeit eines Phänomens aufhört und das kommunikative Spiel beginnt.
Die Distanz, die der Humor herstellt, verstärkt noch einmal den Mechanismus der Entrealisierung. Die Betroffenen werden zu Figuren in einer kollektiven Komödie gemacht. Als »main character« sind sie frei verfügbare Karikaturen, daher auch die Tendenz zu abstrahierenden Spitznamen: Couch Guy, Bean Dad, West Elm Caleb. Die Distanz der meisten beteiligten Autorinnen und Autoren zu diesen Menschen lässt die Meme-Spender quasi fiktiv erscheinen und ermöglicht so, die Folgen dieses Umgangs mit ihnen auszublenden.
Für die Betroffenen ist es natürlich ein schwacher Trost, dass sie in den meisten Fällen vor allem Anlass für einen Prozess der Vergemeinschaftung im kollektiven Erzählen sind – oder Spielmaterial für humoristischen Meta-Diskurs. Die Entrealisierung bietet in diesem Fall keinen Schutz, sondern verstärkt und verdoppelt die Verletzung sogar. Die Parallelen zu Fällen, in denen Menschen in literarischen Texten wiedererkennbar verarbeitet werden, liegen auf der Hand. Man fühlt sich auf eine sehr spezifische und schmerzhafte Art gemeint und gleichzeitig nicht gemeint, weil die Verarbeitung immer auch die Rezeptionsanweisung enthält, das Vorbild einer Figur nur als Material der Ästhetisierung anzusehen, und die wenigsten Menschen sind gerne Material.
Unreal
Die mediale und soziale Voraussetzung für diesen Sonderstatus der Meme-Spender ist eine fragile digitale Epistemologie, in der ein Konstrukt der Virtualität dazu dienen kann, Verantwortung für die eigenen Äußerungen abzugeben. Katherine Cross führt in ihrem Aufsatz Ethics for Cyborgs diesen Umstand an, um die teilweise extrem gewaltvolle Belästigung vor allem von Frauen in der Gaming Community zu erklären. Nicht die Anonymität, wie üblicherweise angenommen, sondern die bequeme Möglichkeit, die Opfer solcher Zudringlichkeiten als semi-fiktive Figuren zu verstehen, sei die Hauptursache dafür, dass Aggressionsimpulsen in diesem Umfeld so bereitwillig nachgegeben werde.
Es ist eben nur das Internet, Dinge die hier geschehen, sind weniger real: »The culture becomes real when it is convenient, and unreal when it is not; real enough to hurt people in, unreal enough to justify doing so.« Dieser Befund lässt sich auf den gesamten Bereich der digitalen Öffentlichkeit übertragen. Die Entrealisierung von Personen, die zum Gegenstand des kollektiven Erzählens werden, beruht auf der Vorstellung, dass der virtuelle Raum ein Raum der Verantwortungslosigkeit ist. Diese Vorstellung ist nicht nur destruktiv, sondern auch die Grundlage für kreative Freiheit oder für Spielereien mit Identitäten. Im Fall von kollektiven Fremderzählungen wird virtuelle Verantwortungslosigkeit allerdings zum Problem.
Prominente, die zu Memes werden, sind an diese Art der Fremderzählung gewöhnt, andere bekommen es gar nicht mit oder reagieren mit ironischem Stolz. Man kann allerdings nicht davon ausgehen, dass das den Normalfall darstellt. 2005 beispielsweise begann das Video des »Unreal Tournament Kid« oder »Angry German Kid« im Internet zu kursieren. Darin sah man einen Jugendlichen, der allem Anschein nach vor dem Heimcomputer durchdrehte, weil er davon abgehalten wurde, das Videospiel Unreal Tournament zu spielen.
Der Junge geriet dermaßen in Rage, dass er am Ende schreiend die Tastatur zertrümmerte. Das »Unreal Tournament Kid« wurde schnell zur Zielscheibe allgemeinen Spotts und dann zum Gegenstand der memetischen Kreativität. Das lag vor allem daran, dass die meisten Zuschauerinnen davon ausgingen, es handele sich um eine dokumentarische Aufnahme. Tatsächlich war das Video aber gestellt und als Parodie auf eine bestimmte Form von Gamer-Raserei gemeint.
Schließlich tauchte es nach dem Amoklauf von Emsdetten 2006 in der Fernsehsendung Focus TV in einem alarmistischen Beitrag über die Gefahren von Videospielen auf, wobei ausdrücklich behauptet wurde, es sei vom Vater des Jungen heimlich gefilmt worden. Durch diesen eklatanten Verstoß gegen die journalistische Ethik wurde das »Unreal Tournament Kid« dann endgültig zu einem viralen Meme. Die Folge waren realweltliches Mobbing und psychische Qualen für den Betroffenen, der zu diesem Zeitpunkt erst vierzehn Jahre alt war.
Der Fall ist damit auch ein frühes Beispiel für die Probleme, die entstehen können, wenn sich etablierte Medien mit memetischen Ereignissen beschäftigen. Was Focus TV angeht, handelt es sich natürlich um eine besonders groteske Form des Versagens, die aber bezeichnend ist für den Zynismus und die Indifferenz, mit denen die vordigitale Medienlandschaft auf genuine Internetphänomene reagiert.
Was den »Couch Guy« besonders erbittert, ist die Tatsache, dass klassische Medien – vor allem Boulevardmedien – sich irgendwann an dem erzählerischen Spiel um seinen angeblichen Betrug beteiligten. Spezialistinnen für Körpersprache seien engagiert worden, um das Video zu analysieren. Auch hier gipfelt das Bedrohungsszenario in einem Moment, in dem der Fall das konkrete physische Leben erreicht: Ein Nachbar habe ihm einen Zettel unter der Tür durchgeschoben und um ein Interview gebeten.
Wo Menschen zu scheinbar fiktionalen Memes werden, bleibt immer ein Restbestand an Realität, auf den dieses Erzählen ja auch angewiesen ist, um seine Energie nicht zu verlieren. Um dem eigenen Engagement die angemessene Fallhöhe zu verschaffen, muss das crime, das gemeinsam erzählt wird, offenbar true sein. Wir wissen, dass diese Personen und ihr Schicksal real sind, und daraus speist sich unser Interesse, auch wenn wir sie wie eine fiktive Figur behandeln.
Viralität scheint sich mit reiner Fiktionalität nicht gut zu vertragen. Zumindest gibt es eine Tendenz bei weitverbreiteten fiktionalen Erzählungen, dass einzelne Aspekte immer wieder mit faktualen Lesarten konfrontiert werden. Das weiß jede Autorin eines erfolgreichen Romans, die mit Fragen, was wirklich passiert sei, konfrontiert wird oder mit dem Versuch, ihr Privatleben in den Geschichten wiederzufinden. Vor diesem Hintergrund könnte man die Ereignisse um den »Couch Guy« als Ausdruck eines Hungers nach realen Geschichten lesen, die im Modus der Fiktionalität konsumiert werden können – als eine Form der Aneignung und Adaption, die die Tendenz hat, aus dem Ruder zu laufen. Sie wird verstärkt durch die technische Potenzierung der algorithmusgestützen Aufmerksamkeitsökonomie digitaler Plattformen.
Das alles ist allerdings kein Grund, in kulturkritische Panik zu verfallen. Das kollektive Erzählen ist Ausdruck einer faszinierenden narrativen Energie, die – vor allem, weil sie neu ist – einem problematischen Regeldefizit unterliegt. Disziplinieren lässt diese Kreativität sich allerdings nur, wenn man sie als kulturelles Phänomen wirklich ernst nimmt.
[Dieser Text erschien 2022 unter dem Titel “Couch Guy” im Juni-Heft der Zeitschrift Merkur]
Die guten Dinge
Der Fall des “Couch Guy” ist, mit Annekathrin Kohout gesprochen, ein Fall von “Hyperinterpretation”. Ihr Buch Hyperreaktiv. Wie in Sozialen Medien um Deutungsmacht gekämpft wird ist letztes Jahr bei Wagenbach erschienen. Ich habe es gerade fertig gelesen und kann es sehr empfehlen.
Apropos Hyperinterpretation: In der aktuellen Folge des sehr hörenswerten Podcasts “Decoder Ring” geht es um die teils ziemlich irrwitzigen Interpretationen, die sich im Netz um Stanley Kubricks Film Eyes Wide Shut gerankt haben. Der Kern dieser Theorie ist, dass der Regisseur in seinem Film vor Epstein warnen wollte und deswegen ermordet wurde.
Kabinett der Verbitterten. Für 54books hat Peter Hintz das neue Buch von Jana Hensel rezensiert.
Mein Lover, die KI? Im New Yorker findet sich ein sehr interessanter Text darüber, wie Chat-Bot-Programme das soziale Leben zahlreicher Menschen bestimmen.
In eigener Sache
Kunst versus Kapitalismus. Daniel Stähr, Andrea Geissler und ich haben im HR über Kunst, Kultur und Ökonomie gesprochen, den Druck des Geldes und der Politik und warum Ayn Rand eine miserable Autorin ist. Hier kann man es hören.
Vom 19.03. – 20.03. findet eine Tagung zum Thema “Die Kalkulierbarkeit der Literatur” statt, unter anderem auch mit einem Abendgespräch mit Christine Watty, Juan Guse und mir.
Am 22.03. findet im Rahmen der Leipziger Buchmesse wieder der Postdigitale Salon statt. Es gibt auch noch Plätze, allerdings nur noch wenige. Das Programm und weitere Informationen hier.
Am 23.03. moderiere ich eine Buchvorstellung von Adrian Daub, der mit seinem neuen Buch Was das Valley herrschen nennt nach Mannheim kommt (17.15 im Experience Lab, Schloss: Schneckenhof: im Erdgeschoss des Bibliotheksbereichs).
Am 28.03.2026 werde ich bei der Tagung “Lesen als Soziale Praxis” einen Vortrag über den Konflikt zwischen Autor und Publikum in der digitalen Gegenwart halten.
Am 21.04. (18:00) werde ich in der Reihe „Frisch gepresst“ in der Zentralbibliothek Düsseldorf im Gespräch mit Michael Serrer mein Buch Wut und Wertung vorstellen.


Schon abgefahren, wie wir alle zu Statisten in einem kollektiven True-Crime(-Wahn) werden.. Manchmal glaube ich, dass wir die Realität nur noch ertragen, wenn wir sie in ein schlechtes Drehbuch hinein inszenieren.